Die Suche nach Identität, einer verlorenen Welt und ein bisschen Weizenmehl
Grüne Dünen, endlose Sandstrände und im Wind tanzende Farne prägen die stille Landschaft. Doch plötzlich ohrenbetäubender Lärm. Flugzeuge donnern über die gerade noch friedlich daliegende Insel Amrum. Es ist Frühjahr 1945, kurz vor der Kapitulation Nazi-Deutschlands.
Diese Szenen sind tief in den Erinnerungen ihres Autors verwurzelt. Mit dem Film Amrum wurde das autobiografische Drehbuch von Hark Bohm verfilmt. Eigentlich sollte essein letztes großes Projekt werden, doch es fehlte ihm die Kraft, selbst Regie zu führen. So übergab er die Inszenierung an Fatih Akin.*
Zerfall einer Welt und eines Menschen
Mitten im Inseldrama, am Ende des Zweiten Weltkriegs, nimmt die Geschichte ihren Anfang: Der junge Nanning (Jasper Billerbeck) sitzt mit seiner Mutter Hille (Laura Tonke) am Abendbrottisch und fragt, ob der Vater bald zurückkehren werde, wenn jetzt der Krieg bald zu Ende sei. Hille, eine überzeugte Nationalsozialistin, antwortet erzürnt, dass, wer behaupte, dass der Krieg verloren sei, den eigenen Soldaten in den Rücken falle.
Als dann kurz darauf die Nachricht von Hitlers Tod im Radio zu hören ist, setzen die Wehen bei Nannings Mutter ein. Die Geburt des vierten Kindes markiert einen Wendepunkt in ihrem Leben. Sie stürzt in eine tiefe Depression, ausgelöst durch den Zusammenbruch der ihr bekannten Welt. Ihr nationalsozialistisch ausgerichteter moralischer Kompass verliert die Orientierung. Als Konsequenz verlässt sie der Hunger – bis auf die Lust nach einem Weißbrot mit Butter und Honig. Genau dieser Wunsch wird für Nanning zur alles bestimmenden Aufgabe.
Mit einem teilweise manisch wirkenden Pflichtgefühl begibt sich Nanning auf eine Odyssee, um den Wunsch nach dem Honigbrot zu erfüllen. Das Problem: Lebensmittel auf Amrum sind Mangelware. Bei der Suche werden die Zuschauer*innen immer tiefer in die Familiengeschichte und das Inselleben eingeführt. Oft bleibt es aber eher oberflächlich und viele Aspekte, wie die Rolle des Vaters in der SS, werden nur angeschnitten.
Ergänzt wird die Handlung durch Aufnahmen von Landschaft und Tieren, die allerdings häufig nur sehr kurz auf der Leinwand verharren. Das ist schade, denn so kommen die Zuschauer*innen nur selten ins Staunen über die Amrumer Natur. Der Name ist hier nicht immer Programm.
Dunkle Wolken über Amrum
Den Film durchzieht eine bedrückende, düstere Atmosphäre, getragen von der allgegenwärtigen Präsenz von Gewalt und Blut. Der Krieg und seine Folgen sind omnipräsent: Nanning stößt am Strand auf eine Leiche, Spannungen zwischen den neuankommenden Flüchtlingen und der Inselbevölkerung nehmen zu, und der Kampf um Nahrung bestimmt den Alltag. So wird der Junge gezwungen, auf die Jagd zu gehen; das anschließende Ausweiden der Kaninchen wird ungeschönt und detailliert gezeigt. Als schließlich die Nachricht von Deutschlands Kapitulation die Insel erreicht, reagieren die Inselbewohner sehr unterschiedlich. Für einige ist es das (persönliche) Ende, für andere der Beginn der Freiheit.
Zudem bleibt der Ton zwischen den Figuren rau, oft lieblos. Besonders präsent ist das in Nannings Familie. Laura Tonke gelingt es, dieser emotionalen Kälte eine beklemmende Glaubwürdigkeit zu verleihen. Schon in22 Bahnen überzeugte sie als ambivalente Mutterfigur. In Amrum spielt sie eine Frau, die zwischen Ideologie, Schuld und Selbstverlust taumelt. Ihre Darstellung einer überzeugten Nationalsozialistin wirkt nie klischeehaft, sondern beunruhigend echt.
Die zentrale Identifikationsfigur Nanning wird brillant von Jasper Billerbeck gespielt. Er trägt den Film über weite Strecken und verkörpert den inneren Konflikt zwischen kindlicher Unschuld und wachsender moralischer Erkenntnis. Besonders in Momenten des Schweigens und Beobachtens zeigt sich diese innere Zerrissenheit. Er dominiert nicht durch Worte, sondern durch Blicke und eine ausdrucksstarke Körpersprache.
Während Nanning dem Film eine leise, aber nachhaltige emotionale Tiefe verleiht, fragt man sich bei anderen Rollen, welche Funktion sie erfüllen sollen. Mathias Schweighöfer taucht beispielsweise mitten im Film als in die USA emigrierter Onkel auf. Er erscheint Nanning im Traum, doch dieser kurze Auftritt bleibt merkwürdig wirkungslos. Statt echte Tiefe zu erzeugen, wirkt die Szene wie ein etwas bemühter Versuch, Nannings moralisches Erwachen zu visualisieren.
Eine deutsche Stunde
Thematisch steht Amrum in einer literarischen Tradition, die bis zu Siegfried Lenz’ Roman Deutschstunde zurückreicht. Beide Werke sind im norddeutschen Küstenraum verortet und zeichnen ein ähnliches Milieu: das karge, von Wind und Meer geprägte Leben zwischen Pflichtgefühl und Schweigen. Im Zentrum steht jeweils ein heranwachsender Junge, der in einer Welt voller moralischer Widersprüche aufwächst und den Zusammenbruch der alten Ordnung aus kindlicher Perspektive erlebt.
Wie in Lenz’ Deutschstunde geht es auch in Amrum um das Ringen zwischen Gehorsam und Gewissen und um die Frage, wie ein junger Mensch inmitten von Schuld und ideologischer Verblendung zu einer eigenen Haltung finden kann. Am Ende findet Drehbuchautor Hark Bohm dann doch noch selbst seinen Platz im Film und seiner persönlichen Geschichte: In der letzten Szene steht er am Strand und blickt melancholisch in den Sonnenuntergang.
Kinokatzenpunkte: 6/10
*Hark Bohm verstarb am 14. November 2025 im Alter von 86 Jahren in Hamburg im Kreis seiner Familie.
Bjarne studiert Sozio-Ökonomik an der CAU und ist seit dem Oktober 2024 beim ALBRECHT.



