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Wie das Drama um die Präsident*innenwahl die CAU seit bald zwei Jahren beschäftigt

Sobald man an der Universität angekommen ist, vergisst man bei all der Fachprüfungsordnungen, Klausuren und Hausarbeitsfristen leicht, dass Hochschulen seit jeher ein überaus politischer Ort sind. Die CAU war eine Keimzelle der gegen Dänemark gerichteten schleswig-holsteinischen Unabhängigkeitsbewegung. Ebenso können politische Vorhaben aus den Hörsälen auf die Straße getragen werden – wie es in den 1960er und 70er Jahren auch in Kiel geschehen ist. Gesellschaftliche Debatten korrespondieren mit universitären Debatten und umgekehrt.

Blickt man jedoch auf die Kieler Hochschulpolitik der letzten Jahre, dominierten Machtkämpfe und darauffolgende Blamagen das Geschehen. Ein Drama in mehreren Akten hat sich mittlerweile abgespielt. Die gescheiterte Präsident*innenwahl zeigt in aller Deutlichkeit, wie ein interner Postenpoker zur Belastung für die gesamte Universität – inklusive der Studierenden – wird. Schließlich steht ein*e Präsident*in für die ganzheitliche, strategische Weiterentwicklung der CAU.

Sturz der Präsidentin

Ausgelöst wurde die Führungskrise durch Manipulationsvorwürfe gegen die damals amtierende Präsidentin Simone Fulda, die im Januar 2024 erstmals aufkamen und ihren Rücktritt kurze Zeit später zur Folge hatten. Zwei Untersuchungen kamen mittlerweile zu dem Urteil, dass Fulda in ihren Publikationen kein relevantes wissenschaftliches Fehlverhalten vorgeworfen werden könne. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft gelangte im Sommer zu einer anderen Ansicht: Demnach habe Simone Fulda grob fahrlässig gehandelt. Nichtsdestotrotz spielte ein anderer Faktor auch eine entscheidende Rolle: Drei Exzellenzcluster der CAU scheiterten unter Fuldas Ägide. Der Rückhalt für sie schwand, die anderen Präsidiumsmitglieder forderten öffentlich ihren Rückzug von der Uni-Spitze, und ihr (erzwungener) Rücktritt wurde anschließend von vielen Universitätsangehörigen begrüßt.

Jetzt könnte man argumentieren, dass Simone Fulda ihr Leistungsversprechen der Exzellenz nicht eingehalten habe und kommunikativ sehr ungeschickt auf die gegen sie erhobenen Vorwürfe reagierte. Anstatt in die Offensive zu gehen und für Aufklärung zu sorgen, hüllte sie sich für lange Zeit in Schweigen. Dass Simone Fulda auch ein Opfer interner Ränkespiele war, scheint jedoch unbestritten. Hier erinnert das Gezanke an der Uni-Spitze an die Netflix-Serie House of Cards, in der sich ein äußerst gewiefter Politiker bis in das Amt des amerikanischen Präsidenten intrigiert.

Das Präsidium der CAU ist seit dem Rücktritt von Simone Fulda nicht vollzählig. © Bjarne Jacobsen

Eine Kandidatin und eine Klage

Eine vom Hochschulrat und dem erweiterten Senat eingesetzte Findungskommission sollte zügig eine*n Nachfolger*in finden. Zwei externe Kandidat*innen setzten sich durch, obwohl sich auch drei erfahrene CAU-Professor*innen beworben hatten. Die verantwortlichen Personen schienen jedoch eine Personalie von außerhalb zu bevorzugen. Die Agrarökonomin Insa Theesfeld blieb – nach dem Rückzug des anderen Kandidaten – der einzige Vorschlag, der dem Senat vorgelegt wurde. Sie wurde mit großer Mehrheit gewählt und sollte frischen Wind bringen, konnte ihr Amt aber aufgrund der Klage eines aufgebrachten ehemaligen CAU-Präsidenten nicht antreten. Lutz Kipp, der bereits von 2014 bis 2020 die CAU geleitet hatte, strebte eine Rückkehr auf den Chef*insessel an.

Seinen Unmut äußerte der Physikprofessor in aller Öffentlichkeit. Er verglich den Ablauf der Wahl mit nur einer Kandidatin, die schlussendlich gewählt werden konnte, mit den Präsidentschaftswahlen in Russland. Eine verbale Entgleisung, die ihm zurecht viel Kritik einbrachte, und zeigt, wie erbittert es in der Hochschulpolitik zugehen kann. Zur Not wird auch mit Dreck um sich geworfen, wenn man das eigene Ehrgefühl verletzt sieht.

Neustart nach der Schlappe

Vor der Entscheidung des Verwaltungsgerichtes in Schleswig war sich die Vorsitzende der Findungskommission, Thisbe Lindhorst, sicher: Man werde der Kommission keine Fehler nachweisen können. Eine dramatische Fehleinschätzung, denn das Gericht gab Lutz Kipp recht und beanstandete die fehlende Dokumentation des Auswahlprozesses. Sie könne nicht nachvollziehen, wie der Wahlvorschlag für den Senat zustande gekommen sei, teilte die zuständige Gerichtskammer mit. Laut Urteil des Verwaltungsgerichts habe sich die Findungskommission nicht einmal die Fragen aufgeschrieben, die sie den Bewerber*innen gestellt hatte – geschweige denn deren Antworten.1 Studierende wären für so eine Leistung mit einer 5,0 durchgefallen. Darüber hinaus bemängelten die Richter*innen, dass dem Senat nur eine Kandidatin zur Wahl vorgelegt wurde.

So geht das Drama um die Präsident*innenwahl in die nächste Runde, und verwandelt sich dabei immer mehr in eine Komödie. Nach der Schlappe vor Gericht entschied sich der Senat im Juli dazu, das Verfahren neu aufzurollen, weil das Vertrauen in den ursprünglichen Prozess verloren gegangen sei. Bedeutet: eine neue Findungskommission, neue Bewerber*innen, neue Auswahlgespräche sowie neue Wahlvorschläge.

Bewerbung eines Außenseiters

Wer sich am Ende durchsetzen wird, ist ungewiss. Lutz Kipp wird sich erneut bewerben, dürfte aber aufgrund seiner Vorgeschichte nicht viele Sympathiepunkte gesammelt haben. Der Senatsvorsitzende Matthias Vetter sagte, dass die Kommission dabei zügig, aber vor allem juristisch korrekt vorgehen wolle. Die Protokolle dürften nun also etwas ausführlicher werden, damit sich das Drama nicht wiederholt.

Eine endgültige Entscheidung wird wahrscheinlich erst im Frühjahr 2026 fallen, bis dahin dauert die Kopflosigkeit der CAU an. Intern dürften sich schon die ersten Interessent*innen aus der CAU-Professor*innenschaft in Stellung gebracht haben, die Machtspiele um das höchste Amt der Universität gehen weiter. Aber statt mit House of Cards hat man es mittlerweile eher mit der heute-show zu tun. Jüngst kündigte der ehemalige AStA-Vorsitzende Fritz Herkenhoff seine Kandidatur für das Präsident*innenamt an. Er erklärte: Durch seinen Bachelorabschluss und seine Führungserfahrung erfülle er alle dafür notwendigen Voraussetzungen. Das Ende der Geschichte ist noch nicht geschrieben.

1 Anmerkung der Redaktion (20.11.2025, 19 Uhr): In einer früheren Version dieses Artikels stand, dass die Findungskommission sich die Fragen und Antworten der Auswahlgespräche nicht notiert habe. Diese Darstellung wurde ohne Angabe einer Quelle und ohne Nutzung des Konjunktivs als Fakt dargestellt. Dies bitten wir zu entschuldigen. Wir haben die Formulierung angepasst und den Link zum Beschluss des Verwaltungsgerichts Schleswig ergänzt. (fs)

Tore studiert Politikwissenschaft und Philosophie an der CAU. Er leitet seit Februar 2025 das Kulturressort. Schwerpunktmäßig setzt er sich mit Filmen und politischen Themen auseinander.

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