Musical La Cage aux Folles bringt Dragkult nach Kiel
Spätestens, wenn in der Produktionsliste des Stücks von einem Peitschentrainer zu lesen ist, sollte klar werden, dass hier keine zugeknöpft-konservative Show folgen wird. Es knallt auf der Bühne, es wird schallend gelacht, gekreischt, geknutscht und vor allem gefühlt. In einem bühnenfüllenden Käfig plustern sich an diesem Abend Dragqueens auf Pfennigabsätzen in perlweißen Reifröcken im Kieler Opernhaus. Der Käfig voller Narren, La Cage aux Folles, kleidet das Opernhaus diesen Winter bunt schillernd ein.
Die Show in der Show beginnt mit Abundanz: Stolz präsentiert La-Cage-Clubbesitzer Georges (Michael Müller-Kasztelan) seine Queens und bietet so ab der ersten Sekunde manegenartiges Entertainment. Seine Hauptattraktion lässt sich unterdessen noch Zeit in der Maske, um von Georges’ Lebenspartner Albin in die Rolle der bezaubernden Diva Zaza (beide Ks. Jörg Sabrowski) zu schlüpfen. Mit viel Liebe zum Detail werden Jörg Sabrowski für diese Metamorphose künstliche Wimpern aufgeklebt, Pailletten übergestülpt und eine Federboa angereicht. Vor den Augen des entzückten Kieler Publikums entfaltet sich quasi in einem Blick hinter die Kulissen die volle Drag-Persona der Zaza.
Verstecken hinter einer bürgerlichen Fassade
Mutig, elegant und enorm feminin kommt sie daher: Der meisterhaften Verkörperung durch Sabrowski alias Albin alias Zaza fliegen dabei alle Herzen zu. Neben Drag-Stars wie Kelly Heelton (Fausto Israel) und Loreley Rivers singen, tanzen, schweben und glitzern die Queens des La Cage in professionell-dramatischem Flair um ihre Ikone Zaza. Auch vierzig Jahre nach der Uraufführung am Broadway berühren die Songs der Drag-Mama vom La Cage noch mit ihren Themen rund um Identität, Akzeptanz und Liebe. Die politische Lage ist heute zwar anders als noch zur deutschen Erstaufführung. Damals stellte der queerfeindliche Paragraf 175 noch Beziehungen zwischen homosexuellen Männern unter Strafe. Dem Druck, sich einer heteronormativen Welt anpassen zu müssen, sehen sich queere Paare aber bis heute ausgesetzt.
Michael Müller-Kasztelan und Jörg Sabrowski mimen eine rosarot-queere Partnerschaft, die sich in Liebesliedern, Küssen und liebevoller Kommunikation äußert. Politische Tumulte und die AIDS-Krise kann ihr Liebes-Duett beinah übertönen. Ihre Blase zerplatzt abrupt, als Sohn Jean-Michel (Konrad Furian) mit seinen Neuigkeiten in das phallus-tapezierte Wohnzimmer stürmt. Er hat sich ausgerechnet mit Anne Dindon (Lenya Gramß) verlobt, die Tochter des queerfeindlichsten Politikers Frankreichs. Und obwohl er Albin/Zaza wie eine Mutter liebt, kommt für ihn kein Kennenlernen der gegnerischen Parteien infrage. Anders als Furians erste Töne steht Jean-Michels Entschluss fest: Zaza muss vor seiner neuen Familie versteckt, ein bürgerliches Heim inszeniert werden.
Unbedingter Glaube an die eigene Identität
Jean-Michels Wunsch wird unterschiedlich aufgenommen. Da ist einerseits Georges, der in einem gefühlvollen Solo an Jean-Michels warmes Aufwachsen mit Zaza als Mutterfigur erinnert. Viel empörter zeigt sich dagegen der Butler des Hauses. Jacob (Fausto Israel/Kelly Heelton), der periodisch auch seine Zofen-Persona ausreizt, präsentiert eine komödiantische Palette bei den Bemühungen, Tine-Wittler-ähnlich das vor griechischer Nacktheit strotzende Haus von Georges und Zaza in eine Art spartanisches Konvent umzubasteln. Doch am imposantesten reagiert Zaza. Sanft und gleichsam mutig tupft Sabrowski in einem Solo die gewichtigen Worte in den Saal: »Ich bin, was ich bin.« Während das Familiendrama zunimmt und das Ehepaar Dindon (Ks. Heike Wittlieb und Henry Nandzik) versucht, der Bühne ihre zugeknöpfte Art überzustülpen, bleibt Zaza stark. Sie lehrt uns: Besonders in Zeiten der Anfechtung gilt es, die eigene Lebensweise und Identität zu verteidigen.
La Cage aux Folles wird in diesem Jahr noch sieben Mal aufgeführt, danach folgen Vorstellungen bis Mai 2026. Karten sind bei Verfügbarkeit kostenlos über das Kulturticket erhältlich.
Lena studiert Medienwissenschaft und Anglistik. Seit November 2020 ist sie Teil der Albrecht-Redaktion, wo sie über Theater, Kino, Oper, Literatur schreibt. Von Anfang 2024 bis Anfang 2025 hat sie ein Jahr lang das Kulturressort geleitet. Selten verirrt sie sich auch in Themen der Hochschule und Gesellschaft.



