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Die Kieler Autorin Dara Brexendorf über ihren Roman Paradise Beach und das Schreiben über Körper, Endometrioseund Ostseestrände

»Wie geht es Ihnen mit dem Gedanken daran, nicht mehr zu bluten?« Mit dieser Frage beginnt Dara Brexendorfs Debütroman Paradise Beachder Ende März erschienen ist. Die Idee für ihren Roman kam der Kieler Autorin und Literaturvermittlerin bei einem Schreibseminar der Universität Hildesheim, wo sie Literarisches Schreiben studierte. Dort erhielt sie die Aufgabe, sich mit dem Thema Körper auseinanderzusetzen. Eine Kommilitonin habe ihr vorgeschlagen, über Endometriose zu schreiben. Endometriose ist eine chronische Erkrankung, bei der Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut ähnelt, außerhalb der Gebärmutterhöhle an anderen Stellen des Körpers wächst. Viele Erkrankte leiden unter chronischen Schmerzen – nicht nur während der Menstruation – sowie zahlreichen weiteren Beschwerden. 

Während des Seminars habe Brexendorf bemerkt, wie schwer es ihr gefallen sei, sich mit dem Thema Körper zu befassen. »Ich habe gedacht, ich habe keine richtigen Worte dafür. Das hat Trotz in mir ausgelöst und ich habe gemerkt, da steckt tiefe Scham hinter. Ich habe den Roman trotz des inneren Widerstands und der Scham geschrieben«, sagt die Autorin. In jahrelanger Arbeit entstand der Coming-of-Age-Roman Paradise Beach, der an der Ostsee spielt. Die Hauptfigur Ada macht nach ihrer Endometriose-OP eine Hormontherapie und eine Ärztin rät ihr, sich mit ihrem Körper auseinanderzusetzen. Um mit sich selbst wieder in Kontakt zu treten, erinnert sie sich an ihre Jugend im Jahr 2003. Da ist sie 13, hat ihre erste Menstruation und erlebt einen Sommer mit ihrer Cousine Lill und einem Mädchen namens Elja am Strand. 

Blicke auf Körper und Küste

Ada kann die Frage, wie es ihr nach der OP geht, zunächst nicht beantworten. »Ich fand es spannend, dass da etwas aufgemacht wird. Also im wahrsten Sinne des Wortes, dass ihr Körper geöffnet wird und plötzlich gibt es kein Zurück mehr. Die Frage, wie es ihr eigentlich jetzt damit geht, ist ein Startpunkt für sie, zu überlegen, warum sie diese Frage nicht beantworten kann«, sagt Brexendorf. Ada betrachtet als unzuverlässige Erzählerin ihre Vergangenheit aus der Gegenwartsebene und versucht, sich zurückzuversetzen in einen Sommer ihrer Jugend. 

Für Paradise Beach hat sich die Kielerin viele Strände in der Nähe angeschaut, von der Lübecker und Hohwachter Bucht bis nach Kiel. »Ich finde das Ostsee-Setting natürlich spannend, weil ich hier aufgewachsen bin. Das ist ein bizarrer Ort zwischen Sehnsucht und Paradies und dann ist da der Mensch, der sofort unbeholfen wird, wenn er sich in der Öffentlichkeit auszieht. Man will nah an der Natur sein, ins Meer gehen, untertauchen und gleichzeitig kann sich der Mensch nicht mal in der Natur verorten«, erklärt die Schriftstellerin. 

Während des Schreibprozesses habe sie reflektiert, wie Teenager den Strand erleben und wie wir Menschen unseren Körper betrachten. Meistens finden Bewertungen und Vergleiche statt. Landschaft wird hingegen oft mit einem neugierigen, forschenden Blick betrachtet. Die Autorin habe  Körper in ihrem Roman so beschreiben wollen, wie sie eine Landschaft beschreiben würde. Dafür hat sie eine eigene lyrische Sprache entwickelt. »In Lyrik steckt eine Selbstbestimmtheit, weil du abweichen kannst von der Sprache, die du in dir trägst, und selbst die Worte neu arrangieren kannst«, sagt sie.

Literatur, die Gespräche anstößt

Nach Lesungen führt Brexendorf nun oft Gespräche über die Periode, die Wechseljahre und Endometriose – keine normalen Smalltalk-Themen. »Ich glaube, es ist auf eine Art und Weise heilsam, wenn sich menstruierende Menschen über solche Themen austauschen. Ich freue mich, wenn ich sehe, dass Leute sich im Buch wiederfinden oder vorher noch nie damit in Berührung waren. Die haben zum allerersten Mal das Wort Endometriose gehört und sind danach in die eigene Recherche gegangen. Das hat mich sehr berührt«, sagt die Schriftstellerin. 

Paradise Beach solle kein medizinischer Aufklärungsroman sein, aber einen Zugang zum Thema ermöglichen. Nach wie vor gibt es wenige Romane, die sich mit Endometriose beschäftigen. Jedoch gibt die Literaturwelt chronischen Krankheiten inzwischen mehr Raum und Sichtbarkeit als noch vor ein paar Jahren.

Räume für Nähe und Utopie

Laut der Autorin gibt es im Roman neben den schwierigeren Themen auch utopische Räume. Eine wichtige Rolle spielen die Freundschaften zwischen den weiblichen Figuren, die sich einen selbstbestimmten, eigenen Raum schaffen. »Es geht viel darum, sich gegenseitig zu sehen. Ich glaube, jeder Mensch will gesehen werden, auch bei chronischen Krankheiten und Schmerz. Es ist eine kleine Utopie, dass man sich gegenseitig sieht und füreinander da ist«, sagt die Kielerin.

Aktuell arbeitet Brexendorf an einem neuen Schreibprojekt, das diesmal an der Nordsee spielt. Über ihren zweiten Roman sagt sie: »Jetzt sind die Türen für mich viel offener als vorher. Ich habe das Gefühl, es geht jetzt erst richtig los. Das Meer wird wieder eine Rolle spielen. Mehr darf ich noch nicht sagen.«

Dara Brexendorf: Paradise Beach. Eichborn Verlag, 2026. 256 S., Hardcover, 24 Euro.

Annika ist seit Januar 2026 stellvertretende Chefredakteurin des ALBRECHTS. Seit dem Sommersemester 2024 ist sie beim ALBRECHT und hat zuvor ein Jahr lang das Social Media Team geleitet. Sie studiert Anglistik und Deutsch (Schwerpunkt Gegenwartsliteratur/ Literaturvermittlung) im Master of Arts.

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