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Kinokatze: Für und Wider zur deutschen Oscarhoffnung In die Sonne schauen

Die Kritiker*innen in Deutschland sind sich einig: Das Kinojahr 2025 gehört In die Sonne schauen von der Regisseurin Mascha Schilinski. Nachdem der Film bei den Festspielen in Cannes den Großen Preis der Jury gewann, begann eine einzigartige Welle des Lobes und der Huldigungen, die schließlich in der Nominierung als deutscher Oscarbeitrag gipfelte. Doch so einig wie das Feuilleton, das in dem Film eine geniale Darstellung der transgenerationalen Traumata der deutschen Geschichte sieht, sind sich die Zuschauer*innen nicht. Viele kritisieren die fehlende Handlung, die emotionale Distanz der Hauptfiguren sowie die ausufernden Szenen des zweieinhalbstündigen Dramas. Unser Autor Tore Teichmann kann die Kritik nur bedingt nachvollziehen, er meint: In die Sonne schauen schaffe es, die bereits in vielen Filmen thematisierte deutsche Geschichte, aus einer anderen, gewinnbringenden Perspektive zu zeigen. Dem entgegnet unsere Autorin Michelle Bande: Der Film stelle lediglich einen überstilisierten deutschen Arthouse-Film dar.

Die Vergangenheit kann man nicht hinter sich lassen

Ein Geschichtsdrama, das den Bogen vom ersten Weltkrieg bis in die Gegenwart spannt. Dazu eine fragmentarische Handlung, die sich nur schlecht zusammenfassen lässt und eher wie ein Puzzle wirkt, dessen einzelne Bestandteile sich gegenseitig bedingen, aber auch für sich selbst stehen können. Dass es In die Sonne schauen trotz dieser Besonderheiten schafft, so viel Anerkennung zu bekommen, liegt an der innovativ erzählten Geschichte.

Aufwachsen in der DDR: Angelika (Lena Urzendowsky) schwankt zwischen Lebenslust und Todessehnsucht. © Neue Visionen Filmverleih

Den Rahmen der Handlung bildet ein Vierseithof in der Altmark. Hier spielen sich die Dramen der deutschen Vergangenheit ab, ohne dass es zu gewollt wirkt. In anderen deutschen Filmen wie Good Bye, Lenin! oder Das Leben der Anderen ist die deutsche Geschichte der Motor der Handlung, sie bestimmt das Agieren der Charaktere und drängt sich zu sehr in den Vordergrund. Anders ist es in Schilinskis Spielfilm. Das Leben spielt sich innerhalb der sehr kleinen Welt in und um den besagten Hof ab, das Außen drängt sich nur manchmal herein; wie in der Szene in der während des Ersten Weltkriegs Soldaten versuchen, einen jungen Mann vom Hof zu rekrutieren. Ansonsten bleibt die Geschichte ein Grundrauschen, das zwar die ganze Zeit mitschwingt und Einfluss auf die Personen ausübt, dabei jedoch stets auf Distanz bleibt.

In die Sonne schauen lebt von den unerfüllten Hoffnungen der Charaktere, die in den zumeist bedrückenden Szenen zum Ausdruck kommen. Es gibt nämlich Momente, da möchten einzelne Charaktere aus ihrer provinziellen, bäuerlichen Umwelt ausbrechen. Doch sie schaffen es nicht, denn die Lebensumstände auf ihrem Hof halten sie gefangen – ihre täglichen Verpflichtungen lassen keine Flucht zu.

Die Charaktere von »In die Sonne schauen«, hier Uwe (Konstantin Lindhorst), feiern regelmäßige Feste, die zeigen, dass es auf dem Vierseithof trotz der alltäglichen Tristesse einen starken Zusammenhalt gibt. © Neue Visionen Filmverleih

Der Film hat zwar ein paar Ecken und Kanten: Szenen erklären sich erst im Nachhinein oder geraten doch etwas zu lang. Gleichwohl zeigt der Film virtuos, wie die Gegenwart aufs Engste mit der Vergangenheit zusammen hängt und umgekehrt. Denn als der Hof schließlich doch verlassen wird und verfällt, kauft eine Berliner Familie das Anwesen, um es als Wochenend- und Sommerresidenz zu nutzen. Die Geschichte wird unter anderen Vorzeichen fortgeschrieben: Nicht mehr die großen Ereignisse der deutschen Vergangenheit prägen den Hof, sondern die Schicksale der vorherigen Generationen, beeinflussen die Berliner Familie. Tore Teichmann

Arthouse, Schmarthouse

Mal angenommen ich bekäme die Aufgabe, einen deutschen Arthouse-Film zu produzieren. Zu aller erst, bevor ich überhaupt irgendeine Idee habe, entscheide ich eins: Der Film muss auf jeden Fall viel zu lang sein. Dann überlegen wir mal, unkonventionell muss es sein, auf eine frustrierende Weise. Wie wäre es mit einem 4:3-Verhältnis und einer nicht-linearen Erzählweise? Wo wir schon dabei sind lassen wir doch Exposition, Kontext, Struktur oder gleich jegliche Handlung weg. Ein Ende überlege ich mir auch nicht, da kann man dann kurzfristig irgendwas hinklatschen, was deep aussieht, aber nichts aussagt. Was auf keinen Fall fehlen darf, sind Themen wie sexueller Missbrauch, Inzest, Depression, Suizid, Trauma, Gewalt. Einfach alles auf einmal nur so ein bisschen thematisieren, dass jegliche Aussagekraft verloren geht. Man will ja nur Themen behandeln, um sagen zu können dass man sie behandelt hat. Ein bisschen schocken ist immer gut. Deswegen brauchen wir auch unbedingt Szenen, in denen irgendwelche absurden und ekligen Sachen mit Körperflüssigkeiten passieren, vielleicht noch einen Tierkadaver und sicherlich muss man den Umriss eines Penis‘ sehen. Sonst ist das doch kein Arthouse.

Lernen von der Großmutter: Frieda (Liane Düsterhöft) mit Alma (Hanna Heckt). © Neue Visionen Filmverleih

Was will ich damit sagen? Ich frage mich ein wenig, für wen In die Sonne schauen eigentlich gemacht ist. Es wurde bei jedem Schritt sichergestellt, dass es extrem anstrengend ist, diesen Film zu schauen. Selbstgefällig und pseudo-intellektuell scheint die Hauptintention zu sein: Finde mich bitte richtig deep. Nimm mich ernst. Guck wie künstlerisch ich bin, anders als die Anderen. Jedes Potenzial eine gute Geschichte zu erzählen, geht in diesem masturbatorischen Prozess verloren. Pro Element wird es undurchsichtiger, langweiliger, gar sinnloser. In der Vorstellung die ich besucht habe, ist in der Gruppe neben mir der Satz »Was ein scheiß Film« gefallen. Daraufhin verließen sie geschlossen den Saal. Sie waren nicht die Einzigen. Egal wie hoch die Jury von Cannes Mascha Schilinskis Werk lobt, für durchschnittliche Kinogänger*innen ist das ein Brocken, den es sich wahrscheinlich nicht zu schlucken lohnt. Michelle Bande

Tore studiert Politikwissenschaft und Philosophie an der CAU. Schwerpunktmäßig schreibt er über Kultur und Politik.

Michelle studiert Englisch und Wi/Po. Sie ist seit 2024 beim Albrecht, seit 2025 leitet sie den Weißraum und ist dort unter anderem verantwortlich für die Fotostory-Serie Schwibbventures.

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