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Die Stadt Kiel bewirbt sich als Austragungsort für Olympia und Paralympics. Was bedeuten die Spiele für Studis, Uni und Stadt?

Kiel hat abgestimmt. Wir bewerben uns als Austragungsort für die Olympischen Spiele 2036, 2040 oder 2044. Hauptausträgerin wären wir dabei nicht, diese Aufgabe fiele mit einer deutschen Bewerbung an Hamburg, München, Berlin oder die Rhein-Ruhr-Region. Neben den Segelwettbewerben sind für Kiel nur wenige weitere Sportarten im Gespräch, darunter Handball, Coastal Rowing und Freiwasserschwimmen. So weit, so nordisch. Mit dem »JO!« für Olympia gehen allerdings auch einige Fragen einher. Wie geht es jetzt weiter? Können Studierende von dieser Entscheidung profitieren? Und ist das Olympiazentrum Kiel-Schilksee mit seinen grauen Plattenbauten im digitalen Zeitalter hübsch genug für ein sportliches Großevent von internationaler Bedeutung? 

Zwei Drittel eines Drittels

Beim Bürger*innenentscheid am 19. April ging es erst einmal nur um die Frage, ob Kiel sich gemeinsam mit einem Hauptaustragungsort um die Olympischen und Paralympischen Spiele bewerben soll. Bereits im März wurden alleteilnahmeberechtigten Kieler*innen per Post über die mögliche Bewerbung informiert. Außerdem sollten sie eine Abstimmungsbenachrichtigung erhalten haben, um am Entscheid teilnehmen zu können. Von diesem Recht Gebrauch gemacht haben aber nur knapp 30 Prozent und damit weniger als ein Drittel der Abstimmungsberechtigten. Von diesem Drittel sprachen sich etwazwei Drittel für die Bewerbung aus. Genau genommen liegt die »JO!«-Quote bei 63,93 Prozent. Dennoch bleibt die Frage, ob den Kieler*innen Olympia nicht insgeheim egal ist. 

Möglicherweise hängt die niedrige Wahlbeteiligung damit zusammen, dass die Effekte, die mit der Austragung Olympischer Spiele einhergehen, in Kiel vergleichsweise gering sind. Das gilt für positive und negative Auswirkungen gleichermaßen. So auch für die internationale Aufmerksamkeit: »Durch die allgemein hohe Popularität des Sports und die hohe Bekanntheit des Markenproduktes Olympia hat die Austragung Olympischer Spiele natürlich einen starken Werbeeffekt«, sagt Professor Jens Flatau, Sportwissenschaftler und Leiter des Bereichs für Sportsoziologie und Sportökonomie an der CAU. Für eine Stadt wie Kiel, die wirtschaftlich auch vom Tourismus abhängig sei, international aber eher unbekannt bleibt, wäre das etwas Gutes. »Trotzdem ist der Publicity-Effekt natürlich deutlich kleiner als beispielsweise für Hamburg«, sagt Flatau. 

Grund dafür ist, dass Kiel nicht Hauptaustragungsort wäre, sondern sich an der Seite von Hamburg, München oder dem GebietRhein-Ruhr für die Spiele bewerben möchte. Geht die deutsche Bewerbung nach Berlin, fänden die Segelwettbewerbe wahrscheinlich in Rostock-Warnemünde statt. Mit welchem Hauptaustragungsort Deutschland sich bewirbt, entscheidet der Deutsche Olympische Sportbund am 26. September. Wann das Internationale Olympische Komitee (IOC) die finale Entscheidung für die Austragungsstädte 2036, 2040 und 2044 fällt, ist bislang noch nicht bekannt. Sollte es zu einer Vergabe an Kiel kommen, würde der Publicity-Effekt aber auch dadurch verringert, dass Sportarten wie Segeln, Rugby, Coastal Rowing und Freiwasserschwimmen keine Breitensportarten sind, bei denen das Interesse im Publikum tendenziell geringer ist als bei beliebteren Disziplinen wie Schwimmen oder Leichtathletik. 

Eine Chance für Studierende und Uni?

Trotz weniger populärer Sportarten wäre Olympia in Kiel ein sportliches Großereignis, das vor allem für Spitzenathlet*innen von großer persönlicher Bedeutung ist. Das Institut für Sportwissenschaft der CAU blickt deshalb mit einer gewissen Sympathie auf die Olympischen Spiele, die auch ein Stück weit Werbung für das Institut und ein Sportstudium in Kiel sein könnten. »Segeln ist natürlich ein Alleinstellungsmerkmal unter den Instituten für Sportwissenschaft in Deutschland. Nicht wenige unserer Studierenden kommen deshalb hierher«, erläutert Jens Flatau. Universitäten stünden immer auch im Wettbewerb um Studierende, daher sei Publicity hier nicht das Schlechteste. Gleichzeitig mache sich aber auch die finanzielle Situation Schleswig-Holsteins am Institut bemerkbar. So herrsche zum Beispiel ein gewisser Personalmangel, auch aufgrund der Wiederbesetzungssperre. 

Olympisches Erbe

Doch was bedeutet es für die breite Bevölkerung, wenn sich Olympia und Paralympics auf weniger beliebte Sportarten beschränken? Trotz kleinerer Bekanntheit sieht die Stadt Kiel in den Spielen die Chance, den Breitensport voranzubringen und insbesondere junge Menschen für »Bewegung, Leistungssport und Teamgeist« zu motivieren. Das bestätigt auch Flatau: »Sport wird in der Gesellschaft eigentlich immer positiv betrachtet und gerade der Spitzensport ist unheimlich populär. Aber natürlich gibt es auch Kritiker der Überkommerzialisierung.« Die Stadt möchte mit der Ausrichtung das Miteinander stärken, »Gemeinschaft, Inklusion und Begeisterung schaffen«. Durch ein populäres Ereignis wie Olympia sei ein solches Potenzial gegeben, unter anderem durch dieMonopolstellung des IOC bei der Vergabe der Spiele: »Die Zuschauer möchten die eine Olympiasiegerin, den einen Olympiasieger ermittelt haben«, erklärt Flatau. Es sei klar, dass dadurch ein natürliches Monopol entstehe. Die Frage sei nur, auf wessen Kosten. 

Die Stadtverwaltung selbst bezeichnet weitere Investitionen in die Sportinfrastruktur der Stadt als einen Pluspunkt. Ein gutes Beispiel dafür sei das Olympiazentrum in Schilksee, das für die Olympischen Spiele 1972 errichtet wurde. Davon profitiert seit 1973 auch die CAU, die Teile der Anlage sowohl im Rahmen des Sportstudiums als auch für den Hochschulsport nutzt und damit das größte Segelzentrum deutscher Hochschulen betreibt. Für die Spiele sind Investitionen von zehn bis 15 Millionen Euro in das bestehende Olympiazentrum vorgesehen, das nach Angaben der Stadt ohnehin saniert werden müsse. Hinzu kommen weitere zehn Millionen Euro für eine neue Bootshalle. Beides soll nach aktuellem Stand größtenteils vom Bund und dem Land Schleswig-Holstein gedeckt werden. Eine solche Investition könnte auch in Zukunft eine Bereicherung sein, zum Beispiel für den Hochschulsport. Dennoch muss bedacht werden, dass Studierende gerade einmal vierzehn Prozent der Kieler Gesamtbevölkerung ausmachen unddass der Segelsport, der sich in Kiel zwar überdurchschnittlicher Beliebtheit erfreut, auch hier kein Breitensport ist. Der Querschnitt der Gesellschaft profitiert also nicht von Investitionen in Schilksee. 

Sorgen um steigende Mieten wie in Paris, gerade in sozial benachteiligten Vierteln, hält die Stadt großteils für unbegründet. Diese Erfahrungen stünden in der Regel mit den Hauptaustragungsorten in Verbindung. Des Weiteren sei ein Mietanstieg in Stadtteilen wie Mettenhof oder Gaarden bei Investitionen im Stadtteil Schilksee eher unwahrscheinlich. Außerdem sei Schilksee kein innerstädtisches Entwicklungsgebiet wie das Département Seine-Saint-Denis in Paris, das mit hohem Druck im sozialen Wohnbereich zu kämpfen habe. Mit der jährlichen Nutzung des Olympiazentrums zur Kieler Woche seien sportliche Großevents seit 1970 Teil des dortigen Immobilienmarktes. Das Olympische Dorf, das aktuell zwischen Schilksee und Strande angedacht ist, soll etwa 500 Athlet*innen beherbergen und nach den Spielen unter anderem zu gefördertem Wohnraum werden. Gleichzeitig erklärt die Stadt, dass konkrete Nachnutzungskonzepte noch nicht geklärt seien. Ein Umstand, der sich bei einer definitiven Vergabedringend ändern muss, damit Olympische und Paralympische Spiele in Kiel ihr Potenzial zur Förderung von Gemeinschaft, Inklusion und Teamgeist verwirklichen können. 

Fabienne ist seit 2026 die Chefredakteurin des ALBRECHTs.
Sie ist im WS 24/25 Teil der Redaktion geworden und hat sich vor der Chefredaktion ein Jahr lang um die Website gekümmert. In ihren Artikeln schreibt sie hauptsächlich über gesellschaftspolitische Themen, teilweise aber auch über Hochschulangelegenheiten. Außerdem studiert sie Politikwissenschaft und Anglistik.

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