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Über Manon Garcias Mit Männern leben zum Pelicot-Prozess und was er über unsere Gesellschaft offenlegt

CN: sexuelle Gewalt, Kindesmissbrauch

Es ist September 2020, als ein Mann in einem Supermarkt in Frankreich verhaftet wird, nachdem er Frauen unter die Röcke gefilmt hat. Wegen dieser Tat wird sein Computer durchsucht. Darauf finden die Beamt*innen die fein säuberlich sortierten Aufnahmen seiner jahrelangen sexuellen Gewalt, vor allem gegen seine Ehefrau Gisèle Pelicot. Der Prozess beginnt im September 2024 und findet auf den Wunsch von Gisèle Pelicot öffentlich statt. Auf der Anklagebank: Dominique Pelicot und 50 weitere Männer. Dutzende weitere Täter konnten nicht identifiziert werden. Der Prozess geht um die Welt, die Solidarität mit Gisèle Pelicot ist groß. Auch Manon Garcia, Juniorprofessorin für Praktische Philosophie an der Freien Universität Berlin, ist vor Ort, um den Prozess journalistisch zu begleiten. Ihre Beobachtungen und Überlegungen dazu teilt sie in dem 2025 im Suhrkamp Verlag veröffentlichten Buch Mit Männern leben – Überlegungen zum Pelicot-Prozess.

Das Buch ist ein philosophisches und journalistisches, aber explizit auch ein persönliches, subjektives. Garcia nimmt die Lesenden auf ihre Reise durch diesen Prozess mit. Sie liefert gesellschaftliche Einordnungen zu inzestuösem Missbrauch und Vergewaltigung, teilt ihre theoretisch fundierten Überlegungen zum Thema Männlichkeit und behandelt die Grenzen der Strafjustiz. Doch sie berichtet auch von ihrer Wut, ihrem Entsetzen und dem Schmerz, die im Rahmen dieses Prozesses zu Tage treten. Garcia kehrt immer wieder zu der Frage zurück, was der Prozess mit ihr als Mensch, als Frau, als Partnerin eines Mannes, als Mutter macht. Mit dieser Verbindung zwischen wissenschaftlicher Objektivität und erlebter Subjektivität bildet Garcia den Prozess eindrücklich ab.

Die erschreckende Normalität der Täter

Manon Garcia beschreibt, wie sie am Morgen eines Prozesstages in der Schlange vor dem Gericht steht und darauf wartet, eingelassen zu werden. Kurz bevor sich die Türen öffnen, gehen einige Männer an der Schlange vorbei, direkt zum Eingang. Sie ist verwundert und empört, bis ihr das vermeintlich Offensichtliche auffällt: Diese Männer sind Angeklagte, Täter. »Es sind Männer jeden Alters, aller Berufe und aller Schichten. Sie haben nichts gemeinsam außer ihrem Geschlecht. Und was noch erschreckender ist: Sie sind auf den ersten Blick weder schlechter noch besser als der Rest der Bevölkerung.« Noch immer hält sich das Narrativ, Vergewaltigungen würden von Fremden an dunklen Orten begangen werden. Dabei zeigen die Zahlen längst, dass die Täter ihren Opfern oft bekannt sind und ihnen sogar nahe stehen. Dazu kommt, dass die meisten Täter unentdeckt bleiben und die Taten folgenlos sind: Laut dem Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe werden in Deutschland nur circa zehn Prozent aller Vergewaltigungen zur Anzeige gebracht. Es ist diese augenscheinliche Normalität der Täter, ihr allgegenwärtiges Sein, die beim Lesen des Buches immer wieder auffällt und erschreckt.

Auch die Familie Pelicot schien lange Zeit eine durchschnittliche Familie zu sein, doch der Prozess brachte ein anderes Bild ans Licht. Dominique Pelicot hat nicht nur Gisèle Pelicot Gewalt angetan. Immer wieder, vor und während des Prozesses, entsteht der Verdacht des inzestuösen Missbrauchs. Bei der Spurensicherung finden die Beamt*innen heimlich aufgenommene Bilder weiterer Familienmitglieder. Darunter ist auch seine Tochter Caroline Darian, die sich an das Abgebildete nicht erinnert. Während des Prozesses fragt sie ihren Vater mehrfach, was er ihr angetan hat, doch sie erhält keine Antworten. Manon Garcia beschreibt, wie sich die Spuren der Gewalt durch die Familie Pelicot ziehen. Und sie zeigt, dass in diesem Prozess das passiert, was Inzestopfer so häufig erleben: Sie werden von Familie und Gesellschaft zum Schweigen gebracht, ihr Leid wird unsichtbar gemacht.

Der Prozess, der zeigt, dass Prozesse niemals ausreichen werden

Für Garcia beendet dieser Prozess die Hoffnung, dass sich sexualisierte Gewalt durch eine gute Strafjustiz beenden ließe: »Es ist der Prozess, der zeigt, dass Prozesse niemals ausreichen werden: Wenn es einem einzelnen Mann in einem kleinen Flecken wie Mazan gelingt, mindestens siebzig verschiedene Männer, die in einem Umkreis von weniger als 50 Kilometern wohnen, zu sich nach Hause zu holen, wie viele Männer gibt es dann in Frankreich, die bereit sind, eine bewusstlose Frau zu vergewaltigen, wenn sich die Gelegenheit bietet?« Der Prozess, so grausam und außergewöhnlich er auch scheinen mag, bringt das kulturelle Gerüst der Vergewaltigung ans Tageslicht. Hunderte Männer müssen Dominique Pelicots ›Angebot‹ in Chatforen gesehen haben, doch niemand informierte die Polizei. Am Ende des Prozesses werden fast alle Angeklagten der schweren Vergewaltigung für schuldig befunden. Doch es bleibt die Frage, wie dieses System über neun Jahre lang ungestört existieren konnte. Und: Was zeigt uns dieser Prozess über die Welt, in der wir leben?

»Ich frage mich, was diese Wochen mit den Paaren, der Sexualität und den Familien all derjenigen machen werden, die bei dem Prozess waren«, schreibt Garcia. Sie macht deutlich, dass die Auswirkungen des Geschehenen weit über den Gerichtssaal hinausreichen und unser Zusammenleben ganz grundlegend betreffen. In ihrem Buch finden sich keine einfachen Antworten, aber Garcia hält die Erschütterung aus und schaut hin. Die Frage, wie es sich mit dem, was der Prozess ins Licht gebracht hat, weiterleben lässt, bleibt über das Lesen hinaus bestehen.

Mit dieser Frage setzt sich auch Gisèle Pelicot auseinander: Am 17. Februar erscheinen ihre Memoiren im Piper Verlag unter dem Titel Eine Hymne an das Leben — untertitelt mit ihrer bekannt gewordenen Aussage »Die Scham muss die Seite wechseln«. Darin schreibt sie davon, wie sie allen Widerständen zum Trotz nie den Glauben an die Liebe verloren hat. Sie tritt erneut in die Öffentlichkeit, erzählt ihre Geschichte und geht damit einen weiteren Schritt in Richtung einer neuen Realität. Eine, in der die Scham endlich dort ist, wo sie hingehört: auf der Seite der Täter. 

Hanna ist seit dem Wintersemester 25/26 Teil der ALBRECHT-Redaktion und leitet seit Januar 2026 das Gesellschaftsressort. Sie studiert Soziologie und Politikwissenschaft.

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