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Queeres Leben in Kiel zwischen Gemeinschaft und politischem Kampf

Bald wird es wieder bunt, laut und voller Glitzer in Kiels Straßen. Der Juni ist LGBTQIA+ Pride Month und am 11. Juli findet der Christopher Street Day (CSD) in Kiel statt. In diesem Jahr steht er unter dem Motto »Sichere Häfen für alle«. Was auf den ersten Blick nach einer ausgelassenen Party aussehen mag, wird begleitet von politischen Kämpfen. Chris vom CSD Kiel e. V. betont, dass der CSD, damals wie heute, in erster Linie eine Demonstration für die Rechte queerer Menschen ist. In unserem Artikel »Was ist eigentlich der Stonewall-Aufstand?« auf Seite x erfahrt ihr mehr zu dem Ursprung des CSDs, bei dem nach wie vor dafür gekämpft wird, dass alle Menschen frei und sichtbar existieren dürfen.

Sichtbarkeit und Begegnung

Der Verein CSD Kiel organisiert die jährliche Demonstration bereits seit 2005 ehrenamtlich. Die Planungstreffen sind offen für alle, egal ob queer oder nicht. Meik ist vor eineinhalb Jahren zum Team dazugekommen, um etwas Sinnvolles zu machen: »Die Motivation war auch, an etwas Großem teilzuhaben. Als queere Person fühlt man sich oft durch die Erfahrungen, die man macht, zurückgewiesen oder Schlimmeres. Diskriminierung ist für so viele Menschen Alltag.«

Die Hochschulgruppe Queer Students Group (QSG) gestaltet seit 2013 queeres Leben in Kiel an der Uni und darüber hinaus. Im Fokus steht dabei, Raum für Austausch und Begegnung zu schaffen, genauso wie die Organisation politischer Veranstaltungen für mehr Sichtbarkeit. So organisierten sie im Mai eine Tuntenshow, von der Agi von der QSG berichtet, dass es ein spaßiges Event mit wichtigen Inhalten war: »Du kriegst immer sehr viel Gesellschaftskritik dort vermittelt. Themen, wo du vielleicht persönlich sehr nah dran bist, die dich mitnehmen. Themen, von denen du das Gefühl hast, da hört man nicht genug von.«

Intersektionalität ist für beide Gruppen zentral, denn queere Menschen existieren in allen Bereichen der Gesellschaft und machen, innerhalb und außerhalb der eigenen Community, unterschiedliche Erfahrungen. Joelle vom CSD-Team kennt das aus eigenem Erleben: »Ich bemerke das nicht nur innerhalb der queeren Community. Weil ich eine Behinderung habe, habe ich das tagtäglich, dass ich ausgeschlossen werde.« Um der Vielfalt an Erfahrungen gut begegnen zu können, ist es der QSG wichtig, sich als Lernraum mit Fehlertoleranz zu verstehen, in dem ehrliche Neugierde mehr zählt als umfangreiches Vorwissen.

Queere Rechte sind Menschenrechte

Nach wie vor sind viele queere Menschen von Gewalt betroffen. So berichtete das Bundeskriminalamt 2024 von einem starken Anstieg queerfeindlicher Straftaten. Auch in Schleswig-Holstein steigen die Zahlen laut NDR jedes Jahr. Die Zunahme der Gewalt sowie der eskalierende Rechtsruck bereiten beiden Gruppen große Sorgen. Queere Menschen seien immer noch nicht gut genug geschützt, berichten Agi und Jobe von der QSG. Beleidigungen im Bus seien genau so Teil des Alltags wie die Frage, ob ein sicheres und freies Leben als trans*-Frau unter einer AfD-Regierung überhaupt möglich sei. Unter Menschen, die queeres Leben offen mitgestalten, beobachten Joelle und Chris in allen Altersgruppen eine steigende Angst vor Angriffen und davor, zur Zielscheibe zu werden.

Oft gebe es die Annahme, queere Menschen hätten bereits alles erkämpft. Dabei sei das Erreichte nicht selbstverständlich, wie Meik betont: »Für uns sind queere Rechte Menschenrechte. Und man hat immer wieder den Eindruck, dass es verhandelbar ist für viele politische Positionen. Deshalb stehen wir jedes Jahr aufs Neue dafür ein, dass sie eben nicht verhandelbar sind.«

Die kleinen und großen Hoffnungsschimmer

Bei all der Angst und den Sorgen ist es für Jobe wichtig, nicht aus dem Blick zu verlieren, »dass es sehr, sehr viele Menschen gibt, denen ist es entweder egal oder die finden es toll, dass man existiert. Und natürlich gibt es immer noch zu viele Menschen, die das nicht wollen, die gewaltbereit sind und die diskriminieren, aber das ist nicht die Mehrheit. Und das ist unsere Verantwortung, dafür zu sorgen, dass das nicht die Mehrheit wird.«

Alle fünf berichten von den kleinen Dingen, die Hoffnung machen und Kraft geben: der Hausmeister, der sich einen Pride-Flaggen-Guide mitnimmt, um zu verstehen, welche Flaggen er an der Universität hisst. Oder die Passant*innen, die den Menschen auf dem CSD fröhlich zuwinken. Die Nichte, die die eigene Non-Binarität versteht und akzeptiert. Oder das Gefühl nach einem guten Treffen. Auch dass es in Schleswig-Holstein dieses Jahr unter der Schirmherrschaft des Ministerpräsidenten Daniel Günther (CDU) so viele CSDs wie nie zuvor gibt, macht beiden Gruppen Hoffnung.  Und dass immer wieder neue Menschen in die Gruppen kommen, die gerne mitgestalten wollen. Denn, so betont Agi, Hoffnung und Kraft entstehen oft in Gemeinschaft: »Seid in der Community unterwegs, wenn ihr euch einsam fühlt. Es gibt Räume, da müsst ihr euch nicht erklären und das macht einfach so glücklich.«

Hanna ist seit dem Wintersemester 25/26 Teil der ALBRECHT-Redaktion und leitet seit Januar 2026 das Gesellschaftsressort. Sie studiert Soziologie und Politikwissenschaft.

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