Ganz besondere Freundschaften für mehr Bildungsgerechtigkeit mit Balu und Du
In Anlehnung an das Dschungelbuch wird sie zum Balu und unternimmt mit ihrem Mogli große und kleine Abenteuer: Für Tina Wobig beginnt eine einjährige Beziehung zu einem ihr unbekannten Menschen. Das Projekt kam genau zur richtigen Zeit. Gerade als Tante habe sie die Erfahrung gemacht, wie bereichernd es ist, Kontakt zu einem Kind zu haben: »Ich habe gemerkt, dass ich Liebe und Aufmerksamkeit übrig habe, die ich gerne an ein Kind weitergeben würde.« Da ihre Nichte weit weg wohne, habe sie diese Erfahrung nicht so ausleben können, wie sie wollte. Als sie dann die Werbung für das Projekt sah, war ihr schnell klar, dass sie teilnehmen möchte. Nach den Kennenlerngesprächen ist sie mit ihrem Mogli, einem Mädchen im Grundschulalter, in das gemeinsame Jahr gestartet.
Gemeinsam für mehr Chancengleichheit
Hinter diesen Begegnungen steht der 2005 in Osnabrück gegründete Verein Balu und Du e.V. Seit 2017 werden auch in Kiel Tandems aus Balus und Moglis begleitet. Im Sommer 2025 haben Janne Pape und Tina Stutzke die Projektleitung übernommen. Das Projekt setzt sich dafür ein, Bildungsungerechtigkeit abzubauen, indem strukturell benachteiligten Kindern Unterstützung zur Seite gestellt wird. Zu diesem Zweck werden Patenschaften zwischen einem Grundschulkind, dem Mogli, und einem jungen Erwachsenen zwischen 17 und 30 Jahren, dem Balu, gebildet. Die beiden verbringen ein Jahr lang einmal die Woche für ein bis drei Stunden gemeinsam Zeit. Unterstützt werden sie dabei von den Projektkoordinatorinnen, zum Beispiel durch Begleitseminare und ein kleines Taschengeld für gemeinsame Unternehmungen. Was die Tandems unternehmen, können sie ganz frei entscheiden, berichtet Janne Pape. »Die Idee ist, dass die Balus mit ihrer Verbindung zu den Kindern ein bisschen weiterhelfen, ein sicherer Hafen sind und neue Erlebnisse mitgeben können.«
Mentoring auf Zeit, Wirkung fürs Leben
Der Slogan »Mentoring auf Zeit, Wirkung fürs Leben« steht im Zentrum der Arbeit von Balu und Du. Und die Forschung gibt dem Slogan recht: Im Rahmen des Projekts wurden bereits verschiedene Studien durchgeführt. So konnten Forschende im Jahr 2011 an der Universität Osnabrück zeigen, dass die Teilnahme als Mogli mit einer Zunahme der Selbstorganisation, der schulischen Leistungen und der Motivation zusammenhängt. Auch eine Verbesserung der Konzentration, der Entscheidungsfähigkeit und der gesundheitsbezogenen Lebensqualität konnte im Vergleich zu einer Gruppe von Kindern, die nicht teilgenommen haben, beobachtet werden. Eine Längsschnittstudie aus dem Jahr 2022 zeigte, dass insbesondere Mädchen aus Familien mit niedrigem sozioökonomischen Status von einer Teilnahme profitieren, indem sich ihre Wettbewerbsorientierung verbesserte. Die Mentor*innen profitierten ebenfalls vom Programm, da sich ihre Empathie sowie Kommunikations- und Konfliktlösungsfähigkeit verbesserten.
Zwischen Spielplatz und Vorbildfunktion
Janne Pape hat selbst als Balu am Projekt teilgenommen. Auf diese Erfahrung schaut sie gerne zurück: »Ich glaube, in der Grundschule wären wir nicht befreundet gewesen. Sie war einfach ein ganz anderer Mensch als ich. Und dann zu spüren, wie ein Kind sich immer mehr fallen lässt und Vertrauen fasst, das fand ich total besonders.« Zu sehen, dass ihr Mogli in ganz anderen Verhältnissen aufwächst als sie selbst, habe sie sehr geprägt und motiviert, die Projektleitung zu übernehmen. Auch der gemeinsame Spaß ist ihr in Erinnerung geblieben: »Man konnte nochmal Kind sein, auf dem Spielplatz rumlaufen und hangeln. Das war total spannend, diese Lebensfreude noch einmal so hochzuholen.«
Tina Stutzke spricht ebenso mit einem Lachen von den gemeinsamen Erfahrungen mit ihrem Mogli. Die beiden waren viel draußen unterwegs und haben gemeinsam Neues entdeckt. »Ich habe versucht, ihr mein Leben zu zeigen und sie da ein bisschen mit reinzunehmen«, erzählt Stutzke von den gemeinsamen Treffen. Rückblickend ist sie sich sicher, dass beide von der Zeit zusammen profitieren konnten. Sie habe gemerkt, dass sie gerne die Vorbildfunktion für ein Kind einnehme. Gerade ihrem Mogli Dinge zu ermöglichen, die sonst nicht möglich gewesen wären, habe sie sehr bereichert. Durch einen Umzug ist der Kontakt nach einem Jahr ausgelaufen. Wie es nach dem Jahr weitergeht, entscheiden alle Tandems selbst. Es kommt allerdings auch vor, dass Kontakte noch über Jahre hinweg aufrechterhalten werden. Wer selbst neugierig auf die Begegnung mit einem Mogli geworden ist, kann sich bei den Kieler Projektkoordinator*innen melden.
Hanna ist seit dem Wintersemester 25/26 Teil der ALBRECHT-Redaktion und leitet seit Januar 2026 das Gesellschaftsressort. Sie studiert Soziologie und Politikwissenschaft.



