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Kopf-Nicker Beats und Soziologie

Das hier ist ein Artikel für ein Album, das eigentlich keine Aufmerksamkeit mehr braucht. Alles oder Nix erscheint nach mehrjähriger Pause von SSIO und spricht Menschen aus jeder Zielgruppe an. Auf 18 neuen Tracks und 54 Minuten und 34 Sekunden bietet er eine Menge Wortergüsse in herkömmlicher SSIO-Manier. Der erste veröffentlichte Track, gleichnamig zum Album Alles oder Nix, hat fast 20.000.000 Streams. Für die Ankündigung des Albums postete der Künstler nur ein Porträt von sich auf Instagram. In der Kommentarspalte sammelten sich sämtliche Personen des Deutschrap-Szene: Von 2Bough über SkiAggu und Capo bis hin zu etlichen weiteren Rapliebhaber*innen. 

Alles beim Alten und doch neue Einblicke

SSIO begleitet die Deutschrap-Szene nun schon seit vielen Jahren. Sein erstes Album BB.U.M.SS.N. erschien 2013, kurz nachdem Xatar ihn bei Alles oder Nix Records unter Vertrag genommen hatte, und er den Künstlernamen SSIO annahm. Zuvor trat er unter dem Namen Kanakona auf; warum er ihn änderte, ist offiziell nicht bekannt.

Die Promotionsphase zu Alles oder Nix war typisch SSIO: laut, absurd und unterhaltsam. Für die Promo seines Albums löschte er alle seine Beiträge auf Instagram. Das erste und für kurze Zeit einzige Foto auf seinem Kanal sorgte kurz für Irritation. Es zeigte ihn mit Gesichts-Tattoos, blasser Haut, Kontaktlinsen und Piercings – ein ungewohntes Bild für den Rapper. Doch die Skepsis legte sich schnell, als die eigentliche Promophase begann. 

Man konnte sie als diese dann auch erkennen: SSIO veröffentlichte Reels, in denen er seine ironische Selbstinszenierung auf die Spitze trieb. In einem Clip sucht er etwa nach einer Partnerin. Die Beschreibung: Mutter, mittelalt. Auf einem weißen Pferd kündigt der Prinz, äh, der Rapper seinen Auftritt im World Wide Wohnzimmer-Format an und fordert Bewerberinnen auf, sich direkt dort mit einem Video von sich selbst zu bewerben. Das fertige Video mit dem Titel »Sechs Mütter blind-daten« erreichte über 1,7 Millionen Aufrufe. In einem weiteren Instagram-Reel fährt er auf einem E-Scooter durch die Lanxess-Arena, mit einem Lustigen Taschenbuch in der Hand. Ganz der SSIO, den Fans für seinen eigenwilligen Humor lieben.

Der bescheidene King of Rap

Die gesamte Promophase war durchzogen von dieser Mischung aus Selbstironie, Übertreibung und absurdem Witz. Ein Markenzeichen, das in der Vergangenheit den öffentlichen Charakter von SSIO prägt. In Interviews nach dem Albumrelease gibt er sich jedoch ganz anders, viel echter. Im Gespräch mit Aria Nejati lernen seine Fans SSIO von einer ernsthaften Seite kennen. Er spricht über die Seitenhiebe an RIN oder Felix Lobrecht und ordnet sie ein. Auch über Giwar (Xatar), der ein enger Begleiter und guter Freund von SSIO war, verliert er ein paar Worte. 

Seine Texte, meint er, schreibe er immer eher intuitiv. Musik sei zwar ein Marathonlauf, bei dem man Ausdauer brauche, manchmal auch soziologische Analysen, um zu checken, was gerade so in der Gesellschaft los sei. Aber seine Texte schreibe er trotzdem so, dass er er selbst bleibe.

»Wenn wir jetzt von einer Musikkarriere reden wollen, mit Nachhaltigkeit und Facettenreichheit […]« dann »muss [es] auch ein Charakter sein, der […] eine parasoziale Bindung zu seinen Leuten aufbauen [muss].«

SSIO weiß genau, was man machen und rappen muss, um gut bei Menschen anzukommen.

SIBBIO ist nur Ansprebechpartner für Kibilogram

Xatar lernte SSIO unter seinem bürgerlichen Namen Ssiawosch Sadat kennen, als den kleinen Bruder  eines Freundes. Er zeigte Xatar seine ersten Beats als er noch Kanakona hieß und wurde schnell von ihm unter Vertrag genommen. Die Beziehung zu Xatar spielt eine riesige Rolle für SSIO und seine Karriere. Im Interview nennt er ihn seinen Bruder, auch wenn es eine Phase ohne regelmäßige Kommunikation gab. Xatar ist – für alle, die bis hier gelesen haben – im Mai diesen Jahres gestorben. Für SSIO stand trotzdem nicht zur Debatte, dass Giwar im Video auftreten soll oder mit aufs Album kommt. Die »typische Alles-oder-Nix-Manier« sollte erhalten bleiben.

Ihr gemeinsamer Track Keine Option enthält die für die beiden Rapper typische Geheimsprache, die auch in dieser Zwischenüberschrift zu finden ist. Der Part von Giwar war noch auf der Festplatte des Haus- und Hofproduzenten von Haftbefehl Bazazzian gespeichert und ging nach dem Tod an SSIO. In seinem eigenen Part erwähnt SSIO auch noch mal Kanakona: »Die-hard Fans schreien: wir woll’n Kanakonda-Parts!«. Ein weiteres Lied hat er gemeinsam mit Schwesta Ewa aufgenommen: Google Translate. Es wird mit skeptischen Anglizismen und Jugendwörtern gerapt, was neben dem Track mit Geheimsprache dem Album weitere Teile der SSIO-Ironie hinzufügt. Ein anderer Song ist mit der Band K.I.Z, in der Maxim auf die Situation von Kanye West und ein altes Lied von K.I.Z mit dem Titel Adolf Hitler anspielt: »Ich hab’ gerapt über Hitler, 20 Jahre vor Kanye«.

»Meine Nachbarn wählen aus Protest AfD«

…ist eine Line aus dem Track In meinem Block. Bei SSIO geht es nie viel und erst recht nicht direkt um Politik. Der Fokus liegt auf der Musik und den Lebensrealitäten, die er beschreibt. Aber gerade dadurch lässt er sich vielleicht politisch einordnen. Durch seine (selbst-)ironischen Lieder und Reime wissen Fans zwar nicht genau, wie SSIO politisch tickt, aber eventuell ist das auch genau das, was 20.000.000 Menschen dazu bringt, sich seine Musik anzuhören. SSIO ist nicht sonderlich politisch, in einer Zeit, in der die Politik überkocht. Und dass das Hören bestimmter Musik eine Flucht aus der Realität sein kann, ist nicht erst seit dem Auftreten von Kanakona bekannt.

Top-Pick: Tam-Psychopath

Bewertung: 10 von 10

Ressortleitung Gesellschaft

Svea studiert Geschichte und Politikwissenschaft im Profil Fachergänzung und ist seit November 2023 Teil des ALBRECHTs. Seit Januar 2024 übernimmt sie die Leitung für den Gesellschaftsteil und nebenbei unterstützt sie das Social Media Team. Neben Texten über aktuelle Politik, schreibt sie auch sehr gerne über historische oder tierrechtliche Themen.

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