Honorarkürzungen für Psychotherapeut*innen führen zu massiven Protesten und Frust bei Betroffenen
Das Thema ist in den letzten Monaten ein Dauerbrenner geworden, aber relevanter denn je. Seit April erhalten Psychotherapeut*innen von den gesetzlichen Krankenkassen 4,5 Prozent weniger Vergütung pro Therapiestunde. Das Bundesministerium für Gesundheit hat entschieden, den Beschluss des Erweiterten Bewertungsausschusses nicht zu beanstanden. Damit ist die Honorarkürzung nun beschlossene Sache.
Der Unmut ist groß: Im April demonstrierten bereits bundesweit Menschen gegen den Beschluss, unter anderem in Berlin mit über 4000 Teilnehmenden. Auch in Kiel kamen hunderte Demonstrierende zusammen, wie der NDR berichtete. In einer Petition auf change.org unterschrieben über 600 000 Unterstützer*innen gegen die Kürzungen. Es ist ein Gesetzesentwurf, der die Massen bewegt. DER ALBRECHT hat mit möglichen Betroffenen aus Behandelnden- und Patient*innensicht gesprochen und fragt sich: Wohin führt das alles?
Lohnt sich dieser Weg überhaupt noch?

Clara steht nach fünf Jahren Psychologie-Studium vor enormen Schwierigkeiten, die nächsten Jahre lang die therapeutische Ausbildung zu finanzieren. »Waren es vorher die Sorgen um die Kosten und Anstrengungen der Ausbildung, die Schwierigkeit, einen Kassensitz zu erhalten, und die Schulden, mit denen ich ins Berufsleben starten werde, verfolgt mich jetzt die Angst, ob sich eine Praxis überhaupt lohnen wird«, sagt sie. Clara geht den Weg der Approbation vor allem, um Menschen behandeln zu können, die nicht privat versichert sind. »Werde ich irgendwann vor der Entscheidung stehen, ob ich mich selbst ernähren oder Behandlung für alle anbieten kann?«, fragt sie. Laut der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung (DPtV) erzielt keine andere vertragsärztliche Fachgruppe so geringe Einnahmen wie Psychotherapeut*innen.
Auch Psychologiestudierende an der CAU blicken mit Sorge auf die Absenkung der Honorare. »Die neuen Kürzungen wirken wie eine Abwertung eines ohnehin anspruchsvollen Berufs, der aktuell einen zehnjährigen Bildungsweg erfordert. Unter Studierenden nehme ich deshalb häufig Verärgerung und Unsicherheit wahr. Immer wieder steht die Frage im Raum, ob sich dieser Weg überhaupt noch lohnt«, sagt Pauline. Toni und Pauline berichten vom hohen Leistungsdruck im Studium und Unsicherheiten rund um die Finanzierung und Verfügbarkeit der psychotherapeutischen Weiterbildung. »Die Kürzungen spiegeln wider, wie sehr die Politik und Gesellschaft psychische Erkrankungen nach wie vor nicht ernst nehmen. Dabei rettet Psychotherapie Leben«, sagt Toni.
Psychotherapie ist kein Luxusgut

© Finn Sanders
Nicht nur die angehenden Psychotherapeut*innen sind besorgt um die aktuellen Entwicklungen. Auch Menschen, die bereits das Glück hatten, einen Therapieplatz zu finden oder immer noch warten, sind bedrückt. »Psychotherapie sollte kein Luxusgut sein, das nur denen offensteht, die privat zahlen können«, sagt Pauline. Sie ist allen Therapeut*innen dankbar, die trotz der Widrigkeiten ihre Kassensitze behalten und damit das Hilfsangebot für gesetzlich Versicherte bewahren.
Betroffene äußern im Gespräch Frust über die ohnehin schon langen Wartezeiten, die nun noch länger werden dürften. Außerdem steht die rein ökonomische Sorge – um Merz‘ Lieblingsthema der wirtschaftlichen Effizienz anzusprechen – im Raum: Scheitern mehr Menschen an der Suche nach einem Therapieplatz, werden deutlich höhere Kosten in Form von ausgeweiteten Klinikaufenthalten und längeren Arbeitsausfällen auf die deutsche Steuerpolitik zukommen. Das kann langfristig den stark belasteten Kassen nicht helfen.
Und nun?
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat beim Landessozialgericht Berlin-Brandenburg Klage gegen die Kürzungen eingereicht. In den nächsten Wochen wird weiterhin zu Demonstrationen aufgerufen und es gibt Petitionen, die unterschrieben werden können. Zusammenhalt und Solidarität müssen Alltag werden, um der Regierung die Prioritäten der Zivilgesellschaft klarzumachen. Ansonsten heißt es, Mitgefühl und Empathie für alle zu zeigen, die nun unter den neuen Regelungen leiden können – ob (werdende) Psychotherapeut*innen oder psychisch Erkrankte.
Lilja studiert Medienwissenschaften und Deutsch im Master an der CAU, ist seit dem Oktober 2025 beim ALBRECHT und leitet die Website. Schwerpunktmäßig schreibt sie über Film und Popkultur.
Annika ist seit Januar 2026 stellvertretende Chefredakteurin des ALBRECHTS. Seit dem Sommersemester 2024 ist sie beim ALBRECHT und hat zuvor ein Jahr lang das Social Media Team geleitet. Sie studiert Anglistik und Deutsch (Schwerpunkt Gegenwartsliteratur/ Literaturvermittlung) im Master of Arts.




