Universitätsmusik Kiel verwandelt die Uni in ein Opernhaus
Ungewohntes Bild im Audimax: Die Ränge sind gesäumt von gebannten Blicken nach vorn. Alle Plätze sind besetzt, niemand ist am Handy, alle hören zu. Ist die EVWL-Vorlesung plötzlich spannend geworden? So weit ist es noch nicht – Grund für das ungewöhnliche Treiben war Giacomo Puccinis Oper La Bohème, die am vergangenen Sonntag im Audimax der CAU aufgeführt wurde.
Für einen Abend verwandelte sich die vertraute Universitätsumgebung in einen Opernsaal. Präsentiert von der Universitätsmusik Kiel erklang Puccinis berühmte Oper in einer Aufführung des neu gegründeten Kammerorchesters der Universitätsmusik gemeinsam mit Studierenden der Gesangsklasse von Prof. Manuela Uhl von der Musikhochschule Lübeck. Die musikalische Leitung übernahm Universitätsmusikdirektor Daniel Kirchmann.
Studentisches Lebensgefühl auf der Opernbühne
Thematisch passt Giacomo Puccinis La Bohème hervorragend in die studentische Architektur. Gezeichnet wird das Porträt einer jungen Generation, die sich zwischen künstlerischem Idealismus und bitterer Realität behaupten muss. Im Paris des 19. Jahrhunderts teilen der Dichter Rodolfo (Namkoo Kang), der Maler Marcello (Mario Park) sowie ihre Freunde Schaunard (Kazushi Yamada) und Colline (Kaiwen Zhao) eine ärmliche Mansarde, in der große Träume und klamme Finanzen aufeinandertreffen.
Im Zentrum der Oper steht die zufällige Begegnung Rodolfos mit der Näherin Mimì (Natalia Willot), aus der sich eine fragile Liebesgeschichte entwickelt. Wie das Leben der Bohèmiens insgesamt ist auch ihre Beziehung geprägt von Leidenschaft, Eifersucht und existenzieller Unsicherheit. Parallel dazu entfaltet sich die toxische Beziehung zwischen Marcello und Musetta (Yeseul Kwon), die zeitweise aus finanziellen Gründen mit dem Vermieter Benoît (Seongyeung Kwon) anbändelt.
Puccini fügt diese Erzählstränge wie Puzzleteile zusammen und zeichnet so das allmähliche Schwinden bohèmischer Lebensfreude nach. Was als ausgelassene Wohngemeinschaft beginnt, wird zunehmend von Melancholie, Krankheit, Kälte und Verlust durchzogen. In vier Bildern führt die Oper unausweichlich auf den Zusammenbruch zu, der in Mimìs leisem Tod gipfelt und die Illusion von Unbeschwertheit endgültig zerreißt. La Bohème ist damit weniger eine stringente Handlung als ein musikalisches Mosaik aus Freundschaft, Liebe und Verletzlichkeit.
Junges Ensemble, große Wirkung
Die Inszenierung feierte ihre Premiere bereits im Sommer an der Musikhochschule Lübeck. Besonders an der Kieler Aufführung ist jedoch die musikalische Erweiterung: Die ursprünglich kammermusikalische Besetzung wurde im Audimax auf eine volle Orchesterstärke ausgebaut. Zugleich markierte der Abend den ersten Auftritt des neu gegründeten Kammerorchesters der Universitätsmusik Kiel in dieser Formation.
Das Orchester überzeugte mit einer großen Bandbreite an Emotionen: ständige Wechsel zwischen leiser Zurückhaltung und eruptiven Ausbrüchen, zwischen musikalischer Wärme, Wut und Verzweiflung. Insbesondere das feinfühlige Zusammenspiel mit den Sänger*innen verlieh der Aufführung eine spürbare Intensität. Hervorzuheben sind auch die Soli des Konzertmeisters, die immer wieder kammermusikalische Intimität in den großen Raum brachten.
Die Sänger*innen der Musikhochschule Lübeck beeindruckten durchweg. Ganz kurzfristig wurde die Rolle des Rodolfo mit Namkoo Kang neu besetzt. Er schaffte es, sich nahtlos in das Ensemble durch eine ausdrucksstarke Bühnenpräsenz einzureihen. Darüber hinaus schafften es insbesondere Mario Park als Marcello und Yeseul Kwon als Musetta ihrer konfliktreichen Beziehung die nötige Schärfe und Spannung zu verleihen.
Die räumliche Enge der Audimax-Bühne wurde durch ausdrucksstarke Gestik und präzise Personenführung wettgemacht. Besonders die aufwendige Lichtgestaltung ließ den Hörsaal kaum wiedererkennen: Szenen-bezogene, wechselnde Farben und Stimmungen unterstützten das Geschehen wirkungsvoll.
Ein kleiner Wermutstropfen blieb die Kostümwahl. Zwischen Skinny Jeans, Sportschuhen, Lederjacken und Abendkleidern fehlte ein klar erkennbares ästhetisches Konzept. Ein möglicher Erklärungsansatz findet sich im Programmheft, das die Handlung in Gen-Z-Duktus und im Stil von Chatnachrichten samt Emojis zusammenfasst. Der Versuch, die Oper für das junge studentische Publikum zu öffnen, gelingt nicht in allen Bereichen gleichermaßen.
Dennoch: Die Aufführung wurde mit großem Applaus und sichtbarer Begeisterung aufgenommen. Puccinis Oper funktionierte im Hörsaal erstaunlich gut. Vielleicht gerade, weil sie so nah an der Lebenswelt ihres Publikums erzählt wurde.
Der nächste Termin der Universitätsmusik Kiel mit dem Universitätschor und dem Collegium Musicum Kiel ist das Konzert am 31. Januar im Kieler Schloss.
Bjarne studiert Sozio-Ökonomik an der CAU und ist seit dem Oktober 2024 beim ALBRECHT.



