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Die Eröffnung der neuen WiSo-Fachbibliothek: ein Beispiel, wie Inklusion nicht funktioniert

Es ist vollbracht, die neue WiSo-Fachbibliothek ist fertig. Mit der feierlichen Eröffnung am 8. Mai ist es offiziell: Der Schlüssel wurde übergeben, die Bibliothek ist bereit für den Betrieb. Ein Grund zum Feiern – zumindest für alle, die nicht auf einen Rollstuhl oder Ähnliches angewiesen sind. Vom Heinrich-Hecht-Platz über den Zugang zum Veranstaltungszeltbis hin zur neueröffneten, neugebauten Bibliothek selbst war diese Feier ein Sinnbild für alles, was in Sachen Inklusion an der Universität Kiel noch schiefläuft.

Ein schlecht gewählter Veranstaltungsort

Der Heinrich-Hecht-Platz, Austragungsort der Eröffnungsfeier, ist nicht barrierefrei: Kopfsteinpflaster so weit das Auge reicht. Hübsch anzusehen und laut Denkmalschutz auch schützenswert, legt es mir als Rollstuhlfahrerin im wahrsten Sinne des Wortes nur Steine in den Weg. Um in die tiefer gelegene Grünanlage zu kommen, muss eine Treppe genutzt werden; ein Albtraum für alle, die nicht laufen können. Der Denkmalschutz ist eine große Hürde, doch das war vor der Eröffnungsfeier bekannt. Hätte nicht spätestens in dem Moment, in dem die aCAUnion als Chor samt Rollstuhl angemeldet war, nach einer Lösung gesucht werden können? »Es wird eine Rampe geben«, wurde noch am Abend vorher vom Veranstaltungsmanagement gesagt. Eine Information, die es leider nicht bis zum Bühnenteam geschafft hat. Dieses war am nächsten Tag recht überrascht, als ich mit Rollstuhl auf die Bühne wollte. Aber das sei ja alles nur halb so schlimm, denn es wären »alle sehr bemüht und motiviert zu helfen«. »Sie waren stets bemüht«, ein Satz, den wir alle noch gut aus der Schule kennen und der definitiv kein Lob ist.

Doch damit nicht genug. Als Ablageort für unsere Sachen diente uns einer der Seminarräume im neuen Bibliotheksgebäude. Schade nur, dass ich diesen Seminarraum aus Brandschutzgründen nicht mit dem Rollstuhl betreten darf. Das hat mich etwas überrascht, schließlich ist das Gebäude gerade erst neu gebaut worden. Muss dabeinicht auf Barrierefreiheit geachtet werden?

Der Wille ist da 

Gerade in einer Institution wie einer Universität wäre Barrierefreiheit zu erwarten. Im »Leitbild Diversität« der CAU ist es klar formuliert: »Die Christian-Albrechts-Universität verfolgt das Ziel, Vielfalt sowie Chancengerechtigkeit und Antidiskriminierung in allen Bereichen des universitären Lebens systematisch zu fördern. Dies bedeutet, einen aktiven Beitrag zu einem inklusiven und respektvollen Miteinander auf allen Ebenen zu leisten, um die menschenrechtlich verankerte Garantie auf gesellschaftliche Teilhabe und Bildung sowie das Recht auf einen diskriminierungsfreien Studien- und Arbeitsplatz zu verwirklichen.« Eindeutig formuliert und trotzdem stark verfehlt. Teilhabe zu ermöglichen geht über ein paar gut gemeinte Rampen und barrierefreie Toiletten hinaus. Es darf nicht erst nach der Fertigstellungauffallen, dass ein Rollstuhl dem Brandschutz im Weg steht. 

Gut gemeint reicht nicht 

Die neue Bibliothek ist leider kein Einzelfall, auch an anderen Stellen der Uni stoße ich immer wieder auf gut gemeinte, aber schlecht umgesetzte Inklusionsversuche. Das fängt bei Kleinigkeiten wie der Beschilderung an. Die meisten barrierefreien Eingänge sind nicht ausgeschildert, und selbst wenn man zufällig einen entdeckt hat, findet man sich nicht selten in Kellern ohne Wegweiser wieder. Eine einsam flackernde Lampe an der Decke, ein langer Flur mit mehreren Feuerschutztüren links und rechts und das an Orten, an denen garantiert niemand vorbeikommt, der helfen könnte. Da brauchen Rollstuhlfahrer*innen schon mal 45 Minuten vom Haupteingang des Gebäudes bis zum Hörsaal und fühlen sich etwas vergessen, trotz aller ›Bemühungen‹.

Gäbe es eine Anlaufstelle, durch die man herausfinden könnte, ob ein Raum barrierefrei erreichbar ist, ließe sich so etwas vermeiden. Doch auch im UnivIS gibt es kein einheitliches Konzept. Bei manchen Hörsälen steht fettgedruckt, dass sie mit Rollstuhl erreichbar seien, bei manchen versteckt sich diese Info im Block der Raumausstattung. Bei anderen steht drin, dass sich der barrierefreie Eingang woanders befinde, bei wieder anderen fehlt jegliche Info. Dazu kommt, dass barrierefrei nicht gleich barrierefrei ist. Ein Hörsaal mit Rampe zur Tür ist als barrierefrei gekennzeichnet, auch wenn es dort gar keinen Rollstuhlplatz gibt. Ebenerdige Seminarräume sind »rollstuhlgerecht«, obwohl die Tische so nah an der Tür stehen und so dicht beieinander, dass man mit Rollstuhl nicht weiter als bis zur Tür kommt, ohne die halbe Einrichtung zu verschieben.

Auf klare Worte müssen Taten folgen 

Barrierefreiheit gedacht von der Tür bis zur Rampe; aber der Lift im Treppenhaus bringt mir nichts, wenn ich nicht bis zum Gebäude komme. Ein weiteres Beispiel: die Baustelle an der Kunsthalle. Sie versperrt gerade den einzigen halbwegs barrierefreien Zugang zum Institut für Humanernährung. Wie kann so etwas abgenickt werden? Das bestätigt, dass im Dekanat immer noch mehr über uns Rollstuhlfahrer*innen, statt mit uns geredet wird. Gut gemeinte Inklusion ist eben keine gut gemachte Inklusion.

Zurück auf der Bühne der WiSo-Bibliothek werden große Reden geschwungen. Über »Orte der Begegnung« und einen »Campus, auf dem sich alle gesehen fühlen sollen.« Das sind schöne Gedanken. Doch bei solchen Veranstaltungen, wenn ich auf der Bühne festsitze und an meine eigenen Sachen nicht herankomme, fühle ich mich zwar zwangsläufig gesehen, aber trotzdem auch vergessen. Selbst die motiviertesten Menschen vor Ort können mit ihren Bemühungen nicht ausgleichen, was strukturell nicht bedacht wurde. Es fehlt an Kommunikation untereinander und vor allem mit uns Betroffenen. Meine Sicht ist natürlich sehr einseitig: Wie es Menschen mit anderen Schwierigkeiten geht, weiß ich auch nicht. Ein »Ort der Begegnung« sollte aber doch gerade das bieten: Platz für Austausch, für Ideen, um Lösungen zu finden. 

Doch die Entscheidungen werden in Etagen getroffen, zu denen leider kein Aufzug fährt. Dabei ist die Bewerbung als Exzellenz-Uni unter dem Motto »Connecting Horizons« doch ein super Anlass für mehr Zusammenarbeit. Würde manmich fragen, könnte ich sagen, was das Problem ist. Aber es fragt niemand.

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