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Hans Falladas Jeder stirbt für sich allein als packendes Ensemblestück in Kiel

Zu Beginn der Spielzeit 2025/26 bringt das Theater Kiel mit Hans Falladas Jeder stirbt für sich allein ein ganz besonderes Ensemblestück auf die große Bühne des Schauspielhauses. Der 1948 veröffentlichte Roman führt mitten hinein in das bedrückende Klima des nationalsozialistischen Berlins. Im Zentrum stehen Otto und Anna Quangel, ein unauffälliges Arbeiterehepaar, das nach dem Verlust des eigenen Sohnes im Krieg den Mut zum Widerstand findet – leise, fast unscheinbar, und doch tödlich gefährlich: mit Postkarten, die durch persönliche Nachrichten zum Nachdenken über das Regime aufrufen. Ihr Schicksal entfaltet ein beklemmendes Bild der Isolation, Angst und dem hohen Preis moralischer Standhaftigkeit. 

Durch funktionale Reduzierung schafft Florence Schneider ein Bühnenbild, das durch verschiedene Plattformen und Stahltreppen in Verbindung mit eindrucksvollen Licht- und Schattenspielen (Lichtgestaltung: Daniel Jaeger) immer genau die Räume und Ebenen eröffnet oder verschließt, die die Inszenierung gerade benötigt. Jonathan Heidorn, der in Kiel die Regie und das Sounddesign übernimmt, platziert seine Figuren trotz der bedrückenden Stimmung, die gerade durch einen oft schwellenden atmosphärischen Soundteppich durch Mark und Bein geht, klug und bedacht.

Er spielt mit der Höhe des Bühnenbildes, das ihm beispielsweise ermöglicht, die höheren Beamten auf den überarbeiteten Ermittler herabblicken zu lassen. Auf einer großen Karte Berlins, die in einer Videoinstallation von Frank Böttcher den Hintergrund der Bühne bildet, kann das Publikum live den Ermittlungsstand und die Fundorte der Quangel-Postkarten nachvollziehen.

Ensembleleistungen zwischen Angst und Humor

Das Ensemble des Kieler Schauspielhauses ist zum Spielzeitauftakt fast komplett vertreten. Ein starkes Signal und zugleich ein beeindruckendes Kraftmanöver. Teilweise in bis zu sechs Rollen pro Kopf wechseln die Schauspieler*innen mit Tempo und feinen Abgrenzungen zwischen ihren Figuren. Gerade dadurch entsteht das Gefühl einer permanent lauernden Bedrohung: Jede neue Gestalt könnte ein Spitzel sein, jeder Nebencharakter entpuppt sich als mögliche Gefahr. So bleibt das Publikum gemeinsam mit Anna (Yvonne Ruprecht) und Otto Quangel (Kammerschauspieler Imanuel Humm) das gesamte Stück über auf der Hut. Immer in Erwartung der nächsten Falle, in ständiger Angst vor Denunziant*innen, vor treuen NS-Anhänger*innen, die scheinbar aus allen Richtungen auftauchen. Dieser permanente Rollenwechsel schärft nicht nur die Wachsamkeit der Zuschauenden, sondern unterstreicht auch die Atmosphäre der Unsicherheit, die das Leben im totalitären System bestimmt. 

Zum Unbehagen tragen die restlichen Darsteller*innen bei, wie etwa Marko Gebbert, der als Nazi-Nachbar Persicke oder Obergruppenführer Prall laut und in Rage die Treppen rauf- und runterrennt; Marius Borghoff, der als selbsternannter Blockwart Emil Barkhausen stets den kürzesten Draht zur Gestapo hat; oder Phillip von Schön-Angerer als Kommissar Escherich, der in roter Lederjacke und unter ständig schelmischem Grinsen ganz besessen von seiner Jagd auf den Widerständler wird – inklusive minutenlanger Evil-Laugh-Darbietung. Claudia Friebel und Felix Zimmer umspielen als Postbotin Eva Kluge und deren Ex-Mann Enno einen weiteren Handlungsstrang, der irgendwie mittendrin und doch nur am Rande stattfindet, bis er schließlich fatal enden muss.

Symbolträchtige Fahnentreue

Außerdem zu erleben ist Kammerschauspielerin Ellen Dorn, der als jüdischen Geschäftsfrau Rosenthal nichts anderes übrigbleibt, als eines Nachts den Terror der NS-Handlanger bei einem Einbruch in ihre Wohnung über sich ergehen zu lassen. Gemeinsam mit Rebekka Wurst bringen die beiden Frauen die einzigen Lacher an diesem Abend in den Saal: Als überspitzt aufgedrehte Mitarbeiterinnen der NS-Frauenschaft lockern sie die gedrückte Stimmung für einen kurzen Moment auf, ehe das Publikum durch Geschrei, Getose und Gehorsam wieder ins kalte Berlin der Kriegsjahre zurückgeworfen wird.

Jahre, in denen Trudel (ebenfalls Rebekka Wurst), die Freundin des gefallenen Quangel-Sohns in Karl Hergesell (Mischa Warken) eine neue Liebe findet und selbst in den Widerstand einsteigt. Auf ihre ganz eigene Weise.

In den Kostümen von Annabelle Gotha überwiegen vor allem drei Dinge: Lack, Leder und Nieten in den Reichsfarben schwarz, weiß und rot. Wer hier auf welcher Seite steht, ist auf den ersten Blick klar – die Fronten sind optisch so eindeutig wie brutal markiert. Gerade diese Überzeichnung gibt der Inszenierung Struktur und macht es umso perfider, wenn sich die schwarz-weiß-roten Lederfreunde zu Machtblöcken formieren: Die Figuren wirken wie uniformierte Schachfiguren, die jederzeit verschoben, geopfert oder gegeneinander ausgespielt werden können.

Während die Quangels und die wenigen Außenseiter*innen in schlichteren, gedeckten Tönen fast unsichtbar bleiben, schreit die NS-Fassade in ihrer grellen, karnevalesken Künstlichkeit nach Aufmerksamkeit. Das erzeugt eine ständige Spannung zwischen dem stillen Widerstand und der lärmenden Selbstinszenierung der Machthaber und verleiht den Kostümen eine entscheidende erzählerische Funktion.

Mit dieser Inszenierung gelingt dem Theater Kiel ein kraftvoller Auftakt in die neue Spielzeit. Jeder stirbt für sich allein wird hier nicht als museales Mahnmal erzählt, sondern als lebendiges Ensemblestück, das durch präzises Spiel, ein funktionales und zugleich eindrucksvolles Bühnenbild und kluge Regiearbeit die beklemmende Atmosphäre des Romans spürbar macht. Gerade weil Humor und Überzeichnung punktuell zugelassen werden, wirkt die Brutalität des Systems umso härter – und der stille Widerstand des Ehepaars Quangel umso eindringlicher.

Finn war von Februar 2024 bis Januar 2026 Chefredakteur des ALBRECHTs. Zuvor hatte er ein Jahr lang das Kulturressort geleitet. Für unser Blatt saß er häufig in der Oper, im Theater oder im Konzertsaal. Er hat Englisch und Geographie auf Lehramt studiert und war im WiSe 22/23 der Redaktion beigetreten.

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