Das bekannteste Molekül im menschlichen Körper
Sucht man im Internet nach der Definition von Testosteron, stößt man vermutlich auf Definitionen wie »Männliches Sexualhormon, das im Hoden produziert wird« oder »sorgt für die Entwicklung der männlichen primären und sekundären Geschlechtsorgane«. Außerdem findet man dann noch Links zum Kauf von Testosteron-Präparaten, in Form von Tabletten oder Cremes, für den Sport – Frauen und Mädchen wird der Konsum aber grundsätzlich abgeraten. Das Hormon findet sich nur in Erzählungen wieder, die ausschließlich mit männlichen Narrativen gelesen werden.
Funktionen vom ›Männerhormon‹
Testosteron würde für Aggressivität sorgen, für ausgeprägte Muskelkraft und auch für Risikobereitschaft. Deshalb würden diese Eigenschaften häufig auf Männer zutreffen und Frauen entsprächen genau dem Gegenteil. Nur ein Teil der Aussagen stimmt: das Hormon kann tatsächlich helfen, Muskeln zu bilden und zu erhalten. Der Rest ist das Ergebnis von endokrinologischen Forschungen, die das Verhalten von Testosteron im Körper untersucht haben und empirisch sehr fragwürdig aufgebaut sind. Das Molekül findet sich im Blut, in Muskeln und in Geweben, zu kleineren Teilen aber auch in Speichel oder Urin. Und ja – auch in weiblichen Körpern. Je nach Forschungsmedium und Timing beziehungsweise Zyklusphase kann der Testosteron-Gehalt im Körper variieren, was viele Forscher*innen nicht unbedingt bedacht haben, gerade wenn es sich um Forschung aus den 50ern handelt. Der Hormongehalt im Körper ist jedoch auch von vielen anderen Faktoren abhängig, beispielsweise: psychische und körperliche Verfassung, Temperatur, Stress, Sport oder Sex, Alkohol, Nikotin oder Konsum anderer Drogen.
Testo im Sport
Das Hormon kann auch beim Sport zur Leistungssteigerung genommen werden – diese Verwendung und die zusätzliche Einnahme eines Hormons ist vermutlich am populärsten – lässt man die Antibabypille außen vor. Bekannt geworden durch missbräuchlichen Einsatz als Dopingmittel, um sich einen Vorteil beim Wettbewerb zu sichern, sind Steroide mittlerweile in offiziellen Sportarten verboten. Die anabolen, muskelaufbauenden Steroide ähneln Testosteron in der chemischen Struktur, deshalb werden sie auch umgangssprachlich ›Testo‹ genannt. Seit circa Mitte der 1930er werden die Steroide synthetisch hergestellt – die Gewinnung aus Stierhoden war zu aufwendig und gleichzeitig wenig rentabel.
Die Steroide werden heute vor allem beim (privaten) Kraftsport verwendet, um möglichst gute Ergebnisse zu erreichen. Neben der muskelaufbauenden Wirkung zeigen die Steroide aber auch einen androgenen Effekt, das heißt typisch männliche Geschlechtsmerkmale werden ausgebildet. Nebenwirkungen sind stärkere Körperbehaarung, eine tiefere Stimme, aber auch Pickel und ein gesteigerter Sexualtrieb. Trotzdem sind Steroide unglaublich attraktiv für Sportler*innen: mit ihnen lassen sich Ergebnisse erzielen, die auf dem herkömmlichen Weg nur sehr schwer erreichbar sind.
Das ›Männerhormon‹ in Frauenkörpern
Kaum zu glauben: Das Männerhormon – welches viel zu häufig als dieses benannt wird – findet sich auch in Frauenkörpern wieder. Die Standardbiografie des Hormons wird fast immer auf die Funktionen in der männlichen Ausbildung des Körpers und in der männlichen Reproduktion gemünzt. Für Frauen gilt es in der Regel als schädlich, es würde den Körper und/oder die Person weniger weiblich machen. Dabei kann Testosteron eine entscheidende Rolle im weiblichen Körper spielen: Ist im Körper ein niedriger Testosteron-Spiegel, kann es zu Einschränkungen im Zyklus oder anderen speziell weiblichen Körperfunktionen kommen. Eine Hinzugabe vom ›Männerhormon‹ kann in solchen Fällen die Eizellenproduktion während der Ovulations-Phase antreiben oder beim Wunsch einer Schwangerschaft die Fruchtbarkeit anregen.
Eine weitere Frage, die im Zusammenhang von weiblichen Personen und Testosteron gestellt wird, ist die Frage nach dem Charakter. Kann es zu Änderungen im Verhalten von Frauen kommen, die einen höheren Testosteron-Spiegel haben? Haben sie mehr Machtpositionen? Oder sind Änderungen im Testosteron-Spiegel zum Beispiel dann an den Stimmungsschwankungen während des Zyklus spürbar? Diese Fragen lassen sich tatsächlich nicht leicht beantworten, denn wenn man nach der Funktion von Testosteron im weiblichen Körper sucht, die nichts mit Reproduktion zu tun haben, grenzt das an Detektivarbeit. Die meisten Studien, die dazu durchgeführt wurden, lassen wenn man sie nebeneinander stellt, keine eindeutigen Schlüsse zu. Eine Person, die generell sehr risikobereit, dominant oder aggressiv ist, muss nicht zwangsläufig viel Testosteron im Blut haben.
Die Hypophyse, der Teil des Gehirns, in dem Hormone kodiert werden, könnte als Metapher für die Wichtigkeit der ›Sexualhormone‹ stehen. Sie macht nämlich einen sehr kleinen Teil des großen Ganzen aus. Wir werden nicht nur durch Testosteron oder Östrogen gesteuert, auch wenn ›Alpha-Männer‹ uns gerne etwas anderes erzählen. Das Gehirn und der gesamte Körper sind viel zu komplex, um alles an Funktionen, Verhalten oder Eigenschaften, die wir mitbringen, auf diese Moleküle herunterzubrechen.
Svea studiert Geschichte und Politikwissenschaft im Profil Fachergänzung und ist seit November 2023 Teil des ALBRECHTs. Seit Januar 2024 übernimmt sie die Leitung für den Gesellschaftsteil und nebenbei unterstützt sie das Social Media Team. Neben Texten über aktuelle Politik, schreibt sie auch sehr gerne über historische oder tierrechtliche Themen.



