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Sommertheater La Traviata feiert Premiere auf dem Rathausplatz

Mit rauschenden Festen auf der Bühne kennt die Opernsparte des Theater Kiel sich spätestens seit dem Publikumserfolg Die Fledermaus aus der vergangenen Spielzeit bestens aus. Nun kehrt mit Verdis La Traviata zum Abschluss der Spielzeit 2024/25 wieder eine Festszene nach Kiel zurück. Diesmal nicht im mit Samt ausgeschlagenen Opernhaus, sondern auf dem luftigen Rathausplatz – Möwengeschrei und Vogeldreck-Angst inklusive. Am vergangenen Samstag feierte das Stück Premiere.

Um die Protagonistin Violetta Valéry (Laura Pisani) steht es schlecht. Sie leidet an Tuberkulose und wird immer wieder von Schwächeanfällen überrumpelt. Die Pariser Kurtisane lebt eigentlich von Liebhaber zu Liebhaber, doch plötzlich tritt ein neuer Mann in ihr Leben, mit dem alles anders zu sein scheint: Alfredo Germont (Dashuai Chen). Doch Verdis Meisteroper wäre keine solche, wenn die Geschichte hier schon vorbei wäre. Ein besorgter Vater (Germán Enrique Alcántara), der die junge Liebe gehörig auf die Probe zu stellen weiß und unmengen Champagner, der die Lage nicht gerade verbessert, sorgen für ordentlich Liebeskummer.

Klang und Gefühl im Freien

Das Flair auf dem Rathausplatz komplettiert den Pariser Abend mitten in Kiel. Ein Crêpestand, Macarons und eine Lounge an der Seine (oder am Kleinen Kiel) lassen das Publikum für einige Stunden vergessen, dass es sich nicht in Frankreichs Hauptstadt, sondern im hohen Norden befindet. Die sommerliche Inszenierung nutzt die Open-Air-Kulisse in vollem Umfang: Das Einsetzen der Dämmerung sorgt für immer neue Lichtspiele, der Wind wirkt in Konfettiszenen wie bezahlt und das allgegenwärtige Möwengeschrei verschmilzt überraschend harmonisch mit den Klängen des Philharmonischen Orchesters Kiel unter der Leitung von Daniel Carlberg.

Berauschend schön: Laura Pisani (als Violetta Valéry) mit dem Opernchor und Extrachor des Theater Kiel © Olaf Struck
Berauschend schön: Laura Pisani (als Violetta Valéry) mit dem Opernchor und Extrachor des Theater Kiel © Olaf Struck

Dem 1. Kapellmeister gelingt es, die klangliche Balance zwischen feiner Intimität und dramatischer Wucht zu halten – trotz der akustischen Herausforderungen unter freiem Himmel. Das Orchester spielt in einem Nebenzelt und wird per Lautsprecher verstärkt. Die Gewöhnung daran geschieht sehr schnell.

Besonders im zweiten Akt, wenn sich die Spannung zwischen Alfredo und Violetta zuspitzt, führt Carlberg das Orchester mit Feingefühl durch Verdis vielschichtige Partitur. Laura Pisani meistert die Partie der Violetta mit beeindruckender Wandlungsfähigkeit vom lebensfrohen Festakt bis hin zur zerrissenen Abschiedsszene. Ihre Koloraturen sind klar, ihre Phrasierungen durchdacht und ihr Ausdruck berührend. Dashuai Chen als Alfredo überzeugt mit warmem, lyrischem Tenor, der auch in den dramatischeren Passagen nicht gegen den Außenraum ankämpfen muss, sondern die Bühne nachhaltig füllt. Der argentinische Bariton Germán Enrique Alcántara beweist sich nach seiner Rolle als Rodrigue, Marquis de Posa in Don Carlos erneut durch leise präzise, aber auch nachdrücklich laute Passagen.

Große Bühne für kleine Rollen

Die hauseigenen Sänger*innen müssen sich in der diesjährigen Sommerproduktion mit eher kleinen Rollen begnügen. Konrad Furian, an diesem Abend in der Partie des Gastone zu erleben, besticht als schlacksig-sympathischer Festgast und Freund des Hauses, der so manchen zweisamen Moment zu stören weiß. Marchese d’Obigny wird vom Hausbass Matteo Maria Ferretti verkörpert, der mit einem Gehstock ausgestattet den Casinotisch im zweiten Akt umtänzelt. Ferretti hatte sich bei den Proben zu La Trviata bei einem Sprung verletzt. Oleksandr Kharlamov bescheinigt der sterbenden Violetta als Dottore Grenvil ihre letzten Stunden.

Sergey Rotach, Andrzej Bernagiewicz und Ill Hoon Cho aus dem Opernchor des Theater Kiel beweisen mit Witz und Charme ihr Können. Die Sänger*innen des Opern- und Extrachores hauchen den anfänglich beschriebenen großen Festszenen Leben ein. Sie jubeln, johlen, stoßen an und feiern das Leben in großbürgerlicher Runde. Musikalisch müssen sie dabei mitunter präzise akzentuiert arbeiten, was die Mitglieder der Chöre mit Bravur meistern.

Sommerdrama zum Abschied

Inszeniert wurde das Stück von Generalintendant Daniel Karasek, der den Spagat zwischen klassischem Drama und sommerlichem Spektakel mit sicherer Hand meistert. Karasek verzichtet auf große Modernisierungen und verlässt sich stattdessen auf starke Bilder und klug gesetzte Kontraste: Da ist die dekadente Festgesellschaft, welche die todkranke Violetta mehrmals fast körperlich in den Hintergrund drängt. Und da ist die Nähe zum Publikum, das durch die offene Bühne inklusive Drehscheibe (Lars Peter) und die räumliche Auflösung direkt ins Geschehen gezogen wird. Das sommerlichem Cabriolet, das Darsteller*innen immer wieder zur Bühne fährt und dort abholt scheint etwas gezwungen. Auch weil das Publikum auf der Tribühne durch die Höhe derselben davon nicht viel mitbekommt. Die Kostüme von Claudia Spielmann runden den Abend zu einem stimmigen Gesamtbild ab: Die Damen erscheinen in funkelnden Abendroben, die Herren – ebenso. Mit Schmetterlingsbrille und Pfauen-Smoking. Ein schillernder Gegenentwurf zum düsteren Schicksal, das sich im Hintergrund schon abzeichnet. Violetta

Mit dieser La Traviata gelingt dem Theater Kiel ein rundum gelungenes Saisonfinale, das nicht nur musikalisch überzeugt, sondern auch atmosphärisch ein echtes Sommerhighlight darstellt. Wer Oper einmal anders erleben möchte – lebendig, nahbar und unter freiem Himmel –, sollte sich diese Produktion nicht entgehen lassen.


Restkarten sind online und an der Theaterkasse erhältlich. Nur an der Abendkasse gibt es Schüler*innen- und Studierendentickets für 20 €. Die letzte Veranstaltung findet am So., 27.07.2025 statt.

Finn war von Februar 2024 bis Januar 2026 Chefredakteur des ALBRECHTs. Zuvor hatte er ein Jahr lang das Kulturressort geleitet. Für unser Blatt saß er häufig in der Oper, im Theater oder im Konzertsaal. Er hat Englisch und Geographie auf Lehramt studiert und war im WiSe 22/23 der Redaktion beigetreten.

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