In der Christopher Street in New York steht ein Gebäude mit roter Backsteinfront, zwei großen, bogenförmigen Fenstern, einem roten Neonschriftzug und vielen Pride-Flaggen: das Stonewall Inn. Wo heute sieben Tage die Woche queere Menschen feiern, bot sich in den frühen Morgenstunden des 28. Juni 1969 ein anderes Bild. Damals war die Bar ein Treffpunkt für queere Menschen und somit auch regelmäßiges Ziel von Polizei-Razzien. Doch als in dieser Nacht eine Razzia stattfand, war etwas anders.
Martin Boyce war damals unterwegs und traf am Stonewall Inn ein, als die Polizei-Razzia bereits im Gange war. »Plötzlich entstand diese Stille, man konnte beinahe die berühmte Stecknadel fallen hören. Man fühlte etwas aufkommen, wie einen Sturm«, berichtet Boyce im Interview mit dem Magazin fluter. Die Besucher*innen der Bar und Umstehende leisteten in dieser Nacht stundenlang Widerstand gegen die Repressionen durch die Polizei. Die Kämpfe gingen als Stonewall-Aufstand in die Geschichte ein.
Von den Hinterzimmern der Bars auf die Straße
Es gibt unzählige Berichte über die Geschehnisse in dieser Nacht. Was genau geschah, wird wohl nie vollständig geklärt sein. Klar ist jedoch, dass Stonewall nicht in erster Linie ein Aufstand schwuler, weißer Männer war. Es waren auch trans*-Frauen, People of Color, Lesben und Drag Queens, die in dieser Nacht nicht zurückwichen. Personen wie Sylvia Rivera, Marsha P. Johnson und Stormé DeLarverie waren Teil der Aufstände und sind bis heute wichtige Figuren der queeren Bewegung.
Am Abend nach den Unruhen schien sich etwas verändert zu haben. Queere Menschen waren nun offener auf den Straßen sichtbar. Der Historiker Kevin Mumford beschreibt, dass diese Sichtbarkeit seit Stonewall nie wieder ganz verschwunden ist. Obwohl es nicht der erste Widerstand queerer Menschen gegen Repressionen war, wird Stonewall rückblickend oft als Beginn der weltweiten Schwulenbewegung bezeichnet. Die Soziologinnen Elizabeth Armstrong und Suzanna Crage haben untersucht, warum diese Nacht im kollektiven Gedächtnis blieb. Der Aufstand sei von Aktivist*innen als erinnerungswürdig angesehen worden und ereignete sich zu einem Zeitpunkt, als es die Kapazitäten gab, eine Erinnerungskultur zu schaffen – in Form einer jährlichen Parade, heute weltweit bekannt als Christopher Street Day.
»Pride started with a riot«
1970, genau ein Jahr nach dem Stonewall-Aufstand, organisierte die aus diesem Aufstand entstandene Gruppe Gay Liberation Front einen Marsch in der Christopher Street und begründete damit die Tradition der jährlich stattfindenden Christopher Street Days, kurz CSDs. In Deutschland fand der erste CSD 1979 in Berlin statt. In diesem Jahr wird es die Veranstaltung laut dem CSD Deutschland e. V. an fast 250 Orten in Deutschland geben.
57 Jahre sind seit den ersten Aufständen vergangen, viel hat sich in diesem halben Jahrhundert verändert. Doch queeres Leben wird nach wie vor bedroht. Für Martin Boyce bleibt Pride ein Kampf: »Heute ist Stonewall für mich ein Verb, eine Aufforderung zur Tat«, sagt er gegenüber fluter. Auch für Kevin Mumford ist der Stonewall-Aufstand eine Erinnerung, »jeden Tag zu einer Parade der Solidarität zu machen«, wie er in seinem Text zum 50. Jubiläum des Aufstandes schreibt. Dieses Jubiläum solle eine Erinnerung daran sein, gemeinsam für Befreiung zu kämpfen.
Hanna ist seit dem Wintersemester 25/26 Teil der ALBRECHT-Redaktion und leitet seit Januar 2026 das Gesellschaftsressort. Sie studiert Soziologie und Politikwissenschaft.



