Es ist wohl einer der Momente, der aus Friedrich Merz‘ politischer Karriere in Erinnerung bleiben wird: seine Aussage, es gebe ein Problem im Stadtbild, weshalb Abschiebungen in sehr großem Umfang durchgeführt werden müssen. Auf dieNachfrage eines Journalisten, welches Problem er damit gemeint habe, ergänzte er etwas später, er solle seine Töchter fragen. Menschen abschieben, um Frauen zu schützen? Denselben Ton schlägt auch die AfD immer wieder an. So zum Beispiel Julia Gehrckens im November 2025 bei der Gründung der neuen AfD-Jugendorganisation Generation Deutschland: »Nur millionenfache Remigration schützt unsere Frauen!«.
Rassismus unter dem Deckmantel des Feminismus
Diese Argumentationsweise wird als Femonationalismus bezeichnet. Es handelt sich dabei um ein theoretisches Konzept, das erstmals im Jahr 2012 von der Soziologin Sara R. Farris entwickelt wurde. Dabei bezieht sie sich auf das 2007 von Jasbir K. Puar entwickelte Konzept des Homonationalismus. Dies beschreibt, wie LGBTQIA+-Rechte von westlichen und nationalistischen Akteur*innen genutzt werden, um die eigene Überlegenheit gegenüber anderen, meist islamischen Gesellschaften darzustellen.
Parallel dazu beschreibt der Femonationalismus die Nutzung feministischer Argumente für rassistische, koloniale und oft anti-muslimische Politik. Dabei schwingt meist eine nationalistische Argumentation mit, nach der weiße Frauen eine zu schützende Ressource eines Volkes seien. Diese Vermischung von ausgewählten Aspekten des Feminismus mit anti-muslimischem Gedankengut zeigt sich bei verschiedenen neueren nationalistischen Vertreter*innen in Europa, wie beispielsweise bei Marine Le Pen in Frankreich oder Geert Wilders in den Niederlanden.
Täterschaft und Verantwortung
Femonationalistische Aussagen erwecken die falsche Illusion, sexuelle Gewalt gehe ausschließlich von (muslimischen) Migranten aus. Das verzerrt die Realität und lenkt von den tatsächlichen Ursachen ab. Laut der polizeilichen Kriminalstatistik 2025 stammen die Tatverdächtigen im Bereich Vergewaltigung, sexuelle Nötigung und sexueller Übergriff überwiegend aus dem sogenannten sozialen Nahfeld, also aus dem Kreis von Freunden, Bekannten oder (Ex-)Partnern. Diese Tatsache wird verdeckt, wenn im Zusammenhang mit sexueller Gewalt direkt auf Menschen mit Migrationshintergrund verwiesen wird.
In dieser Hinsicht zeigt sich im Femonationalismus auch eine bequeme Perspektive: Migrantische Männer als Ursache des Problems zu erklären, ermöglicht es weißen Männern, die eigene Verantwortung auszublenden. Denn sexuelle Gewalt geht auf patriarchale Strukturen zurück, die keineswegs exklusiv im Islam vorzufinden sind. Anstatt den Fokus auf die Herkunft der Täter zu legen, ist für die Bekämpfung sexueller Gewalt eine umfassende Betrachtung der Strukturen, die Gewalt ermöglichen, sowie eine konsequente Unterstützung von Betroffenen nötig.
Hanna ist seit dem Wintersemester 25/26 Teil der ALBRECHT-Redaktion und leitet seit Januar 2026 das Gesellschaftsressort. Sie studiert Soziologie und Politikwissenschaft.



