Mit Hannah Arendt Meinungspluralität aushalten
Alle Jahre wieder; Wut und endlose Diskussionen statt Harmonie und Kerzenschein. Welcher Studierende hat noch keine politisch motivierten Wortgefechte unter Familienmitgliedern erlebt, die unter dem Gepolter erhobener Stimmen hässlich aus dem Ruder gelaufen sind. Gerade die Weihnachtsfeiertage mit der Familie bergen ein unausweichliches Potenzial in der Verquickung von Rollenkonflikten, lange gehegtem Groll und politisch völlig konträren Ansichten ein Feuerwerk lautstarker Diskussionen zu entfachen. Gelegenheit, mit anderen Familienmitgliedern aufeinander zu prallen bietet sich vielfach. Etwa beim Weihnachtsessen, wenn vegetarische oder vegane Optionen integriert werden sollen oder abgedroschene Phrasen, wie »die Jungend von heute« oder »die Boomer« fallen. Diese Existenz eines Konglomerats unterschiedlicher Standpunkte und Perspektiven auf die Welt innerhalb einer Gruppe beschreibt die politische Theoretikerin und Philosophin Hannah Arendt mit dem Begriff »Meinungspluralität«.Sie ist laut Arendt ein Grundstein der menschlichen Kondition, also ein Umstand den wir akzeptieren müssen.
Gefühlte Realität vs. Wirklichkeit
Trotzdem tut es weh, wenn geliebte Menschen subjektiv als problematisch empfundene Meinungen äußern. Zum Teil auch, weil dabei das Gefühl, in einer progressiven Gesellschaft zu leben, zerschellt. Denn egal wie viele Artikel über Filterblasen du gelesen hast, wir alle abstrahieren das politische Um-uns-herum zum Meinungsbild der Masse. An der Uni bewegen wir Studierende uns in mehrheitlich weltoffenen, progressiven Milieus. Dies demonstrierte auch die letzte StuPa-Wahl im Juni, bei der links-grüne Parteien, wie die Campus Grünen, Perspektive Links und die Juso HSG 64,3 Prozent der Stimmen erzielten. Im Kontrast dazu gaben am 7. November laut der Sonntagsfrage 25,7 Prozent der Wähler*innen an, für die CDU und 25,7 Prozent für die AfD zu stimmen, wenn jetzt Bundestagswahl wäre. Die Realität ist: Wir leben in einem Land, in dem die Menschen aktuell mehrheitlich konservativ oder rechts wählen würden. Das schmerzt.
Familienabo kündigen?
Was also tun, wenn am Familientisch politisch motivierte Aussagen fallen, die einem fundamental gegen den Strich gehen? Aggressive Konfrontation à la »das kann man doch nicht sagen« und »das ist voll rechts«? Oder lieber verbissen den Mund halten und an den heilige Weihnachtsfrieden und Jesus‘ Opferbereitschaft denken? Rassismus unkommentiert stehen zu lassen, verschiebt die Grenzen des Sagbaren und könnte als Zustimmung interpretiert werden. Andererseits ist es relativ aussichtslos, ein Weltbild durch dogmatisches Dagegenhalten verändern zu wollen. Vielleicht lassen sich im Gespräch einzelne Positionen aufzuweichen, etwa durch das Appellieren an gemeinsame Werte wie Hilfsbereitschaft oder Gerechtigkeit. Dazu gehört auch, selbst offen in eine Diskussion hineinzugehen und bereit zu sein, den eigenen Standpunkt, wenn nötig, um eine andere Perspektive zu erweitern oder zu verändern. Es kann helfen, Charakter und Meinung des Gegenübers separat zu betrachten. Eine subjektiv als schlecht oder falsch empfundene Meinung sollte nicht reflexartig zur Verteufelung der Person führen, die sie äußert.
Hannah Arendt spricht in Bezug auf zwischenmenschliche Interaktion von einem politischen Raum, in dem neben dem Mitteilen von Botschaften auch immer ein Mitteilen von sich selbst stattfindet. Wenn wir miteinander streiten, ist das kein bloßer Schlagabtausch von Argumenten, sondern auch ein Austausch von Ich-Botschaften. »Darf ich so sein, wie ich bin« oder »Glaubst du noch an die selben Werte wie wir?« Die Art, wie wir streiten und inwieweit wir dabei aufeinander eingehen, kann unser Beziehungsverhältnis verändern – positiv und negativ.
Meinungsvielfalt akzeptieren
Nichtsdestotrotz ist diese Meinungsvielfalt, der wir vor allem dann begegnen, wenn wir uns die Gruppe von Menschen, mit der wir Zeit verbringen, nicht frei aussuchen können, ein großer Schatz. So warnt Arendt in ihrer Schrift Vita activa vor dem Verlust dieser Pluralität. Denn es drohten »Weltverlust und radikale Isolierung« Es entstünde eine Massengesellschaft, in der die Menschen durch sterile Vervielfältigung reproduziert würden. Diese Analysen stecken auch 70 Jahre nach ihrer Veröffentlichung noch voller Aktualität im Angesicht des zunehmenden Rückzugs vieler Teile der Gesellschaft in Meinungsmilieus. Zugleich wächst die Polarisierung zwischen den einzelnen Positionen stetig. Um dies zu überwinden müssen wir wieder mehr aufeinander eingehen und akzeptieren, dass im Zuge der Meinungsvielfalt auch Meinungen existieren dürfen, die uns nicht gefallen. Diese Dissonanz im Zwischenmenschlichen auszuhalten ist anstrengend, aber fundamental für den Zusammenhat von Familien im Kleinen und unserer Gesellschaft im Großen. So kann Weihnachten zu einer Chance werden, Ambivalenz und Verwerfungen im Miteinander zu akzeptieren und zu Gunsten des Miteinanders zu überwinden.


