Justizdrama Prima Facie offenbart spektakulär, warum Frauen bei sexuellen Übergriffen vor Gericht zu kämpfen haben
TW: Sexualisierte Gewalt
Die Strafverteidigung hat die Aufgabe, jede*n Angeklagte*n zu verteidigen, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, was ihren Mandant*innen vorgeworfen wird. In der juristischen Welt gewinnt oder verliert man und Anwält*innen ist jedes Mittel recht, um am Ende als Sieger*innen dazustehen – selbst wenn es um Sexualdelikte geht. Die erfolgreiche Strafverteidigerin Tessa Ensler, gespielt von Tiffany Köberich, hat diese Prinzipien verinnerlicht. Sie verkündet: »Wir glauben an die Gerechtigkeit!«
Doch wie die Gerechtigkeit ad absurdum geführt wird, wenn Gerichtsprozesse zu einem Spiel zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigung verkommen, zeigt das Justizdrama Prima Facie, das aktuell im Schauspielhaus Kiel zu sehen ist. »Es gibt keine wirkliche Wahrheit – nur die juristische«, sagt Tessa und beschwört: »Das hier ist nicht das Leben. Das hier ist das Gesetz.« Der Gerichtssaal ist ihr Spielfeld. Für eine anwaltliche Karriere hat sie alles gegeben, sie studierte Jura an einer Eliteuniversität, entkam so ihrem prekären Elternhaus und arbeitet nun in einer angesehen Kanzlei. Was dabei auf der Strecke blieb? Die eigenen Überzeugungen und Skrupel.
Das Theater vor Gericht
Gewonnene Prozesse geben Tessa einen Dopaminrausch. Zweifel, die ihr aufkommen, nachdem sie einen wegen Vergewaltigung angeklagten Mann erfolgreich verteidigt, wischt sie mit dem Argument weg, dass die Staatsanwaltschaft und Polizei nicht gut genug gearbeitet hätten. Jede*r in diesem System spielt bloß seine Rolle, das macht Prima Facie deutlich. Mit scharfsinnigen Aussagen seziert das Theaterstück die Tücken der Justiz.

Zu Beginn der Geschichte ist Tessa, wie so viele Anwält*innen, vom Ehrgeiz zerfressen. Berauscht vom eigenen Erfolg fängt sie eine Büroromanze mit ihrem Anwaltskollegen Julian an, der auf den ersten Blick recht charmant wirkt. Eines Abends trinkt sie bei einem Date mit ihm zu viel Alkohol und landet kotzend über der Kloschüssel ihrer Wohnung. Doch der eigentliche Horror folgt darauf: Julian vergewaltigt Tessa.
Ansprache an das Publikum
Tiffany Köberich spielt in diesem »one-woman play« fulminant auf. Der Wechsel von der äußerst selbstbewussten Tessa hin zur der durch die Vergewaltigung gezeichneten Tessa gelingt ihr grandios. Die Scham, das Ausgeliefertsein, die Verletzlichkeit, die Verzweiflung – all das bringt sie glaubhaft auf die Bühne.

Prima Facie von der australischen Dramatikerin Suzie Miller konnte sowohl im Londoner West End als auch am New Yorker Broadway große Erfolge feiern. Es ist ein Theaterstück der »MeToo«-Bewegung, das einem auf erschreckende Art und Weise deutlich macht, warum »MeToo« immer noch aktuell ist. Jede dritte Frau, so heißt es im Stück, sei schon mal Opfer eines sexuellen Übergriffes gewesen. Das Publikum wird durch diese Ansprache – unter Zuhilfenahme einer Kamera, die Aufnahmen der Zuschauer*innen auf der Bühnenrückwand zeigt – direkt adressiert, denn es handelt sich um ein gesamtgesellschaftliches Problem.
Verlorene Glaubenssätze
Tessa wurde durch die Vergewaltigung gebrochen: »Ich habe meine Würde und mein Selbstbewusstsein verloren.« Dennoch macht sie weiter, wechselt die Kanzlei und zeigt Julian an. Es kommt zu einem Prozess unter umgekehrten Vorzeichen. Dabei fällt ihr auf, dass alle beteiligten Anwälte und Gerichtsangestellte Männer sind. Sie muss ihren Kampf für die Gerechtigkeit, in einem patriarchalem System führen. Während sie von Julians Verteidiger verhört wird, muss sie die Details der Vergewaltigung erneut schildern. Die Kälte, mit der sie vor Gericht behandelt wird, schockiert sie, obwohl sie das Spiel bestens kennt – doch von der anderen Seite.

Nachdem man Prima Facie gesehen hat, kommt man unumwunden zu dem Urteil, dass es Veränderungen braucht. Gesetzgeberische Maßnahmen könnten so aussehen wie das kürzlich in Frankreich verabschiedete »Nur ja heißt ja«-Gesetz, das besagt, dass Sex nur nach eindeutiger, beiderseitiger Zustimmung einvernehmlich ist.
Tessa schlussfolgert: »Ich habe meinen Glauben an das Gesetz verloren.« Gerechtigkeit für die Opfer sexueller Übergriffe lasse sich in dem aktuellen Rechtssystem nur schwer herstellen, erklärt sie, denn der gerichtliche Anspruch der lückenlosen Aufklärung passe nicht zu der Erfahrung, die die Opfer erleben, schließlich stehe es in solchen Fällen oft Aussage gegen Aussage. So dekonstruiert das Theaterstück brillant, an welchen Stellen das Justizsystem krankt: Wie es mehr die Täter als die Opfer schützt.
Weitere Vorstellungen finden am 28. November sowie am 04. – Beginn jeweils um 20:00 Uhr – und 21. Dezember – Beginn 19:00 Uhr – im Schauspielhaus statt.
Tore studiert Politikwissenschaft und Philosophie an der CAU. Er leitet seit Februar 2025 das Kulturressort. Schwerpunktmäßig setzt er sich mit Filmen und politischen Themen auseinander.



