Das Tanztheater Between Volga & Void feiert Premiere im Kieler KulturForum
»Ich bin nicht aus Deutschland, ich bin nicht aus Russland, ich bin nicht aus Kasachstan. Wer bin ich dann?« In ihrem Tanztheaterstück Between Volga & Void stellt Kristina Schleicher, Schauspielerin, Tänzerin und Tochter von Spätaussiedler*innen aus Kasachstan, Fragen nach Identität, Herkunft und Heimat.
»Manchmal habe ich schon eine Identitätskrise«
Ein Gefühl, das wir sicherlich alle kennen. Doch im Kontext der Auswanderungswelle von ursprünglich Deutschen aus der ehemaligen Sowjetunion zurück in die Bundesrepublik, den sogenannten ›Spätaussiedler*innen‹, gewinnt die Frage nach der Identität eine ganz andere Bedeutung. Als Kasachstan-Deutsche der zweiten Generation ist Schleicher zwischen zwei Welten aufgewachsen und damit nicht die Einzige. Rund 4,5 Millionen Menschen verließen seit 1950 die Gebiete der ehemaligen Sowjetunion. Viele stellen sich die selbe Frage.
»Was ist meine Herkunft, was ist meine Heimat?«
Denn eines ist für Schleicher klar: Das ist nicht dasselbe. In ihrer Performance lässt sie das Publikum teilhaben an Verwirrung, Hilflosigkeit, Erschöpfung, aber auch an Stärke und Stolz, die mit multiplen Identitäten einhergehen. Verwirrung, weil auch sie die Geschichte ihrer Familie nur aus Erzählungen kennt. Hilflosigkeit, weil sie auf ihrer Suche keine Antwort zu finden scheint. Erschöpfung, weil sie zwischen den Erwartungen zweier Kulturen aufwächst.
Mithilfe von Audiospuren in deutscher und russischer Sprache, die aus Interviews stammen, welche Schleicher im Rahmen ihrer Recherche durchgeführt hat, wird die Vorführung untermalt. Die Stimmen erzählen von ihren Erlebnissen des Aufwachsens zwischen den Kulturen, wie auch sie sich gewünscht hätten, von der Schule abgeholt zu werden und wie es für sie vor allem ein Ziel gab: später die eigene Familie versorgen zu können.
Die Sprache des Körpers

Das Stück beruht nicht nur auf Sprache. Mithilfe der Ausdruckskraft der Bewegung werden all die Emotionen deutlich, die nur schwer in Worte gefasst werden können.
Schleicher versteht den Körper als lebendiges Archiv, in welchem Erinnerungen, Prägungen sowie Erfahrungen gespeichert sind, die über mehrere Generationen weitergegeben wurden. Diese finden in der Performance improvisativen Ausdruck und erzählen so eindrucksvoll von inneren Fragen und Widersprüchen. Unterstützt wird die Tänzerin dabei lediglich von einem Teppich und einem Kleid.
Der Teppich stellt einen zentralen Teil des Stücks dar und repräsentiert Herkunft, Heimat und Zuhause. Eingerollt, gefaltet, als Umhang zweckentfremdet, hilft er der Künstlerin, den Balanceakt zwischen den Kulturen und die Suche nach einem Zuhause darzustellen.
Das Kleid, ein traditionell russisches Modell, nimmt zum Ende der Vorstellung die Hauptrolle ein. Bedruckt mit alten Fotos ihrer Familie löst es zunächst eine große Faszination bei der von Schleicher dargestellten Figur aus, die sich jedoch rettungslos im Stoff verheddert. Als sie sich befreien kann, betritt sie den Zuschauerraum, um die Fotos andächtig und mit einer gewissen Portion Stolz zu präsentieren. Sie verlässt den Raum, doch ihre Faszination scheint im Publikum hängen geblieben zu sein: Es bleibt noch lange still.
»Wenn ich mehrere Identitäten habe, warum lege ich dann eine ab? Das ist doch Wahnsinn!«
Die Frage »Wer bin ich und wenn ja wie viele?« besitzt im Hinblick auf die Migrationsgesellschaft, in der wir leben, nicht nur eine besondere Aktualität und Relevanz, sie geht auch über die Thematik postmigrantischer Identitätskonflikte hinaus.
Vielleicht kann der Gedanke, dass wir uns nicht für eine Identität entscheiden müssen, sondern die verschiedenen Rollen und Selbstbilder, die wir im Laufe unseres Lebens gesammelt haben, integrieren dürfen, für uns alle etwas Tröstliches haben.
Helene ist seit Oktober 2025 beim ALBRECHT und studiert Psychologie an der CAU. Schwerpunktmäßig schreibt sie über Kultur und gesellschaftliche Themen.



