Die Ausstellung »Malermensch in Berlin« im Nolde Museum zeigt Bilder des Künstlers von der Hauptstadt
Ein voller Saal in einem Berliner Kabarett. Amüsiert, verwundert, beglückt oder verärgert – so ganz genau lässt sich das nicht feststellen – schaut das Publikum einer Schauspielerin zu. Die ungewöhnliche Farbwahl, es dominieren rot und lila, samt der groben Pinselstriche sorgen für eine anziehende und zugleich auch abstoßende Atmosphäre.
Das Ölgemälde »Publikum im Cabaret« von 1911 ist nur eines von vielen Bildern Emil Noldes, die Szenen aus Berlin zeigen. Der Maler aus dem deutsch-dänischen Grenzgebiet war fasziniert von dem schier unerschöpflichen Trubel der Hauptstadt. Gemeinsam mit seiner Frau Ada verbrachte er dort die Wintermonate, um auf Empfängen seine Kunst und sich selbst zu vermarkten. Darüber hinaus genossen sie das vielfältige Leben Berlins – neben dem Theater und dem Zoo begeisterte sich Nolde besonders für Tanzveranstaltungen. Das Motiv findet sich auf vielen seiner Kunstwerke wieder, die aktuell im Nolde Museum in Nordfriesland ausgestellt werden. Die Jahresausstellung »Malermensch in Berlin« zeigt Ölgemälde, Aquarelle, Keramiken und Drucke, die auf der einen Seite das intensive, großstädtische Leben und im Gegensatz dazu die ländliche Abgeschiedenheit darstellen.

Raue Natur und strenges Elternhaus
Im heutigen Dänemark nahe der deutschen Grenze geboren, wuchs Nolde in einfachen Verhältnissen in einer Bauernfamilie auf. Schon früh zeigte sich das künstlerische Talent des Jungen. »Seine Mutter schenkte ihm einen Farbkasten«, erklärt der Direktor der Nolde Stiftung Christian Ring. Sein Vater dagegen war nicht begeistert von den Neigungen des Sohnes und hätte lieber gesehen, dass er auch in der Landwirtschaft tätig wird.
Die karge Landschaft seiner Heimat sollte für seine Bilder prägend werden und wurde später zu seinem Markenzeichen. Das Gemälde »Landschaft mit rotem Heck« zeigt ebenjene, mit einem großen roten Tor und zwei Kühen im Vordergrund, während am Himmel bedrohliche Kumuluswolken aufziehen. In Worten fasste Nolde es wie folgt zusammen: »Gleich einem Märchen war die Heimat mir, das Elternhaus im flachen Land, darüberhin die tausende Lerchen jubelnd auf- und niederschwebend, mein Wunderland von Meer zu Meer.«

Goldene Zeiten in der Weimarer Republik
In Flensburg machte Nolde eine Ausbildung zum Bilderschnitzer, bevor er dann in St. Gallen als Zeichenlehrer am Gewerbemuseum arbeitete. Die nahen Alpen dienten ihm in der Zeit als Motiv für Postkarten, mit denen er etwas Geld verdienen konnte. »Durch den Verkauf der Bergpostkarten hat er dann den Schritt zum freien Künstler gewagt«, sagt Ring.
Über eine private Malschule in Dachau, an der staatlichen Akademie in München wurde er abgelehnt, führte sein Weg ihn nach Kopenhagen. Dort lernte er seine große Liebe, die dänische Schauspielerin Ada Vilstrup, kennen. Das in der Ausstellung präsentierte Gemälde »Frühling im Zimmer« zeigt sie, wie sie lesend in einer lichtdurchfluteten Wohnstube sitzt. Ganz im Zeichen des Impressionismus gemalt, versprüht es eine unwiderstehliche, warme und beruhigende Atmosphäre.

Ohne Ada wäre Emil Nolde wohl nie zu der Bekanntheit gelangt, die ihn später reich machen sollte. Die beiden ergänzten sich perfekt, denn der schüchterne Nolde verbrachte seine Zeit am liebsten mit der Entdeckung von neuen Orten, Tieren und Gegenständen sowie der Arbeit im Atelier, während Ada sich um die geschäftlichen Angelegenheiten kümmerte. »Sie hat viele der Briefe für ihn geschrieben und sie war letztendlich Muse und Managerin«, so Ring. Auch in den finanziell wenig erfolgreichen ersten Jahren ihrer Ehe stand sie immer an der Seite Noldes.
Der große Durchbruch gelang schließlich in den 1920er Jahren der Weimarer Republik. Seine Kunstwerke wurden zu stetig höheren Preisen verkauft. Ehemals bettelarm, konnte er sich nun einen Lebenstraum verwirklichen, indem er ein Grundstück in seiner nordfriesischen Heimat kaufte. Dort baute er ein Haus im Stile der Bauhaus-Architektur mit angrenzendem opulentem Garten nach Adas und seinen Vorstellungen. Jedes Detail wurde perfekt auf die Bedürfnisse des eigenwilligen Malers abgestimmt: von der Wandfarbe über die Beleuchtung bis zum Zuschnitt der Räume. Heute befindet sich darin das Nolde Museum, das Wohnhaus mit teilweise erhaltenem Mobiliar kann genauso besucht werden wie der Garten mit der letzten Ruhestätte von Ada und Emil Nolde.

Dunkle Schatten im Nationalsozialismus
Eine andere Seite Noldes kam erst spät umfassend ans Licht. Denn im Kampf um die Anerkennung der Nationalsozialisten ließ er wenig unversucht. Früh trat er in den dänischen Ableger der NSDAP ein und suchte den Kontakt zu den neuen Machthabern. »Er wollte dazugehören, er wollte Hitler davon überzeugen, dass er doch der beste Künstler ist«, beschreibt Ring die Motivation Noldes. Zusammen mit Ada versuchte er Einfluss auf wichtige Nazifunktionäre auszuüben. In der Wohnung eines Freundes von Hitler platzierte er seine Aquarelle, damit dieser bei Besuchen Gefallen an seiner Kunst fand. Doch jegliche Bemühungen waren vergebens. Hitler soll sogar in einem Wutausbruch über Nolde geschimpft haben.
Der Expressionismus, für den Nolde par excellence stand, gehörte nicht zur offiziellen nationalsozialistischen Kunst. Seine Werke wurden in Ausstellungen für entartete Kunst neben Bildern von jüdischen Künstler*innen gezeigt. Für ihn war das ein Schock, vertrat er doch selbst abscheuliche antisemitische Ansichten. Im Jahr 1941 bekam er schließlich noch ein Berufsverbot, was ihn jedoch nicht davon abhielt, weiterzumalen. Bis zum Schluss versuchte er, die Nationalsozialisten von sich zu überzeugen.
Späte Aufklärung nach der Reinwaschung
Erst ab 2013 – maßgeblich vorangetrieben vom damals neuen Direktor Christian Ring – begann die systematische Aufarbeitung der Verstrickungen Noldes zur Zeit des Nationalsozialismus. Angela Merkel verbannte als Reaktion darauf zwei Bilder von ihm aus dem Kanzleramt. Medial fand eine breite Rezeption und Diskussion statt. Dass es so lange dauerte, hängt eng mit dem durch Nolde inszenierten Opfermythos zusammen.
Nach dem Krieg verschleierte er seine Aussagen und sein Tun während der Nazizeit. So strich er etwa kritische Stellen aus seiner selbst geschriebenen Biografie. Er konnte sich dank der Ausstellungen für entartete Kunst und dem erteilten Berufsverbot sogar als Opfer darstellen. Eine Legende, die lange Bestand haben sollte und die durch Siegfried Lenz’ Roman Deutschstunde, in dem ein an Nolde angelegter Maler, ein Malverbot bekommt, nochmals befeuert wurde.
In Noldes Kunst spiegelt sich die nationalsozialistische Ideologie jedoch nicht wider. »Wenn man sich die Kunst der Nazis anschaut, war das diametral dem gegenübergesetzt, was Noldes Kunst ausmacht«, sagt Ring. Über die Jahre sei keine Veränderung an seinem Werk erkennbar. Die Kunst erhebt sich so über die Ansichten ihres Schöpfers und überdauert ihn.
Die Jahresausstellung »Malermensch in Berlin« kann täglich von 10 bis 18 Uhr im Nolde Museum in Neukirchen, Nordfriesland, bis zum 31. Oktober besucht werden.
Tore studiert Politikwissenschaft und Philosophie an der CAU. Schwerpunktmäßig schreibt er über Kultur und Politik.



