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Das Projekt ACT for Health eröffnet Studierenden neue Wege im Umgang mit Stress und Emotionen

Zehn Wochen lang begaben sich Studierende der Psychologie auf eine Reise der Selbsterfahrung. In dem Projekt ACT for Health, ein Präventionsprogramm, das sich der mentalen Gesundheit junger Menschen verschrieben hat und seit einigen Jahren an den Universitäten zu Kiel und Lübeck durchgeführt wird, lernten sie die Prinzipien der sogenannten Acceptance And Commitment Therapy (ACT) kennen.

Was ist Acceptance And Commitment Therapy (ACT)?

Bei ACT handelt es sich um eine moderne Methode der Verhaltenstherapie, die Menschen darin unterstützt, psychisch flexibel mit Schwierigkeiten in ihrem Leben umzugehen. Diese sogenannte »psychische Flexibilität« wirkt sich positiv auf Stressempfinden, Resilienz, Lebensqualität und Leistungsfähigkeit aus und unterstützt bei der Selbstfür- und -vorsorge.

Im Training geht es darum, die persönlichen Werte besser kennenzulernen und Wege zu finden, das eigene Handeln an diesen auszurichten. Hierfür hält ACT viele lebensnahe Strategien bereit und vermittelt darüber hinaus ein reflektiertes Verständnis menschlicher Gedanken- und Gefühlsprozesse.

ACT for Health wurde ursprünglich vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie ins Leben gerufen, weil Einsamkeit und psychische Belastungen unter Studierenden stark zugenommen haben. »Die Inhalte sind die eine Sache. Entscheidend ist aber auch der Austausch – und die Erkenntnis: Ich bin mit meinen Erfahrungen nicht allein«, so Catarina Newe, psychologische Psychotherapeutin und eine der Initiator*innen des Projekts. Das Gruppen- und Präsenzformat sei nur eine der Stärken.

Seit Corona immer mehr Thema: Einsamkeit unter Studierenden © ACT for Health

Prinzipien des Menschseins

Das Besondere an ACT for Health sei außerdem, dass es einen sehr niedrigschwelligen Zugang dazu ermögliche, aktiv und selbstwirksam Schritte zur Verbesserung der mentalen Gesundheit zu unternehmen. »Es geht nicht darum, ein neuer Mensch zu werden, sondern mit dem zu arbeiten, was man schon hat.« Der Ansatz ist ressourcenorientiert, erlebnisbasiert und möchte Gedanken und Gefühle normalisieren, anstatt sie zu pathologisieren. Newe: »Wir sagen nicht: ›Das sind schlechte Gedanken, die müssen weg.‹ Vielmehr lernen die Teilnehmenden zu verstehen: So funktioniert mein Verstand. Manchmal hilft mir das, manchmal stehe ich mir damit selbst im Weg – und kann dann lernen, etwas Abstand dazu zu gewinnen.« 

»Viele Teilnehmende melden zurück, dass sie eher bereit sind etwas zu tun, was ihnen Angst macht oder anstrengend ist, weil sie merken, es ist ihnen wichtig.« – Catarina Newe

Newe ist es wichtig, das Ziel des Trainings klar zu kommunizieren. Es sei ein Präventionsprogramm, in dem allgemeine Strategien erlernt werden und erhebe nicht den Anspruch, ein bestimmtes Problem in zehn Wochen zu lösen. Der Erfolg von ACT zeige sich vielmehr in einem erhöhten Bewusstsein für das, was einem persönlich wichtig ist und der Art und Weise, mit Emotionen und Gedanken umzugehen. »Es geht nicht darum, dass morgen plötzlich alles anders ist. Aber wenn jemand beginnt, sich zu fragen: ›Ist das hilfreich für mich – und entspricht es meinen Werten?‹ Dann ist schon ganz, ganz viel erreicht.«

Mit ACT habe man eigentlich schon alles an der Hand, um sein Leben stärker nach dem auszurichten, was für einen bedeutungsvoll und wertvoll ist.

Monster, Murmeln und Metaphern

In den Sitzungen wird viel mit Metaphern und Übungen gearbeitet, häufig dürfen die Teilnehmenden am Ende einen kleinen Gegenstand mitnehmen, der sie im Alltag begleiten und an die erarbeiteten Inhalte erinnern kann. Als besonders hilfreich wurden die Monsterkarte und die Murmel empfunden. Sie stehen für zwei zentrale Prinzipien im ACT: Akzeptanz und Werte. Die Karte versinnbildlicht jene inneren »Monster« – Gedanken, Ängste oder Zweifel –, die uns im Alltag manchmal im Weg zu stehen scheinen und erinnert daran, dass vieles auch mit diesen Begleitern im Gepäck möglich ist. Die Murmel wiederum symbolisiert persönliche Werte: Immer wenn Teilnehmende merken, dass ihr Handeln mit dem übereinstimmt, was ihnen wichtig ist, können sie sie etwa von einer Jackentasche in die andere wandern lassen.

Aber was ist mit Akzeptanz eigentlich genau gemeint? Und ist es nicht eher kontraproduktiv, unangenehme Situationen einfach zu akzeptieren? Genau hier liege der Unterschied, so Newe. Die Akzeptanz gelte nicht der Situation, sondern den Gefühlen und Gedanken, die mit ihr einhergehen. »Akzeptanz ist ein erster Schritt, überhaupt wieder etwas verändern zu können. Sonst verstricke ich mich und gehe in einen Kampf, in dem ich unnötig Energie verbrauche.« Akzeptanz meint also, sich auch unangenehme Gefühlszustände zu ›erlauben‹ und ihnen Raum zu geben, da auch diese zum Leben dazugehören.

»Akzeptanz ist ein erster Schritt, überhaupt wieder etwas verändern zu können.« – Catarina Newe

Neben den alltagsnahen Übungen erleben die Teilnehmenden besonders die wertschätzende Atmosphäre in der Gruppe als sehr positiv, eine Erfahrung, die sie auch anderen Studiengängen wünschen. Darüber hinaus sieht Newe das Potenzial des Trainings darin, dass die Teilnehmenden das, was sie gelernt haben, in ihr eigenes Berufsleben übertragen können. »Ich glaube, es kann sehr wertvoll sein, wenn zum Beispiel angehende Lehrkräfte ihre Erfahrungen später im Unterricht transportieren.« 

Das Training allen Studiengängen zugänglich zu machen, sei daher das größte Projektziel.

Auch den Peer-Health-Coach-Ansatz hebt sie hervor. »Es fehlen einfach Multiplikatoren im System.« Diesem Problem könne mit dem von ACT for Health gewählten Ansatz begegnet werden, Studierende selbst zu Coaches auszubilden. Das passe auch zu der Perspektive von ACT, dass man kein Experte sein müsse, um das Training mitzugestalten. »Ich glaube, nur dadurch kann man wirklich eine Veränderung erreichen. Wir alle kennen das System: Es gibt kaum Plätze für Beratung oder für Therapie. Mit der Gesundheitsfürsorge kann man einfach schon sehr viel früher anfangen.«

Helene ist seit Oktober 2025 beim ALBRECHT und studiert Psychologie an der CAU. Schwerpunktmäßig schreibt sie über Kultur und gesellschaftliche Themen.

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