Das Filmfest SH im März hatte mit wenig Andrang zu kämpfen – zeigt aber wie kleine Filmfestivals es schaffen, Massen zu bewegen
Ryan Gosling hat während der Promophase des extrem erfolgreichen Project Hail Mary die kritische Lage der Kinoindustrie so kommentiert: »Es ist nicht eure Aufgabe, die Kinos offen zu halten. Es ist unsere Aufgabe, Dinge zu machen, für die es sich lohnt, rauszugehen.« Dieses Zitat kommt einem in den Sinn, wenn man sich im Kinosaal der Pumpe während des Filmfest SH umschaut. Wo sind die ganzen Menschen? Die 30. Ausgabe des Filmfestes wurde über fünf Tage vom 17. bis zum 21. März veranstaltet und je länger man da war, desto mehr fällt auf: Die meisten Besucher*innen unter der Woche sind entweder Presse, Teil des Teams oder die Filmschaffenden, die ihre Projekte präsentieren durften.
Während Ulf Kämpfer in seiner Rede bei der Eröffnungsveranstaltung Filme in schönstem Denglisch als »life shaping« beschreibt und »manchmal« auch noch gerne ins Kino geht, scheint das Kieler Publikum anders zu denken. Nun ist das Filmfest während der Veranstaltungszeit schon in einer prekären Lage: Die Leitung wurde nur von einem Interimsteam übernommen, nachdem das letzte sich verabschiedet hat. Dies dürfte die Öffentlichkeitsarbeit erschwert haben, einige Filme hätten sonst sicherlich breiteren Anklang gefunden.
Die Preise
Außerdem neu ist dieses Jahr der Kurt-Denzer-Preis, der für herausragende Dokumentarfilme bis zu 59 Minuten verliehen wird. Er ging an Lieber Hans von Claudia Richarz. Ein Film mit der Lauflänge eines TikToks, der die Geschichte eines Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg anhand einer Postkarte von seiner Schwester erzählt. Die Jury lobte insbesondere die Kürze des Films, der auf das Wichtigste reduziert wurde. Diese Entscheidung sollte wohl auch symbolisch den experimentellen Charakter des Filmfestes zeigen.
Die klassischeren Dokumentarfilme hatten allerdings auch einiges zu bieten: In Trischen meistert Kinga Nagy die Herausforderung, eine Insel, die Vogelschutzgebiet ist, zu porträtieren, welche sie nicht betreten durfte. Im anschließenden Q&A gab der letzte lebende Bewohner der Insel einige Anekdoten über seine von Stürmen und Naturverbundenheit geprägte Kindheit zum Besten. Als ›honorable mention‹ wurde der Film Tamsen von Robert Strauß hervorgehoben. Strauß hat die Föhrer Jugend beim jährlichen Tamsen begleitet. Denn auf Föhr soll an Neujahr jedes Gefährt stillstehen, also werden alle Gegenstände mit Rädern geklaut und vor der Schule aufgestapelt. Solche norddeutschen Traditionen und Eigenheiten zu präsentieren, macht den Spirit des Festivals aus.
Der Hauptpreis für Mittel- bis Langfilme ab 15 Minuten ging an Paul Jannowski – eine sehr herzliche Mockumentary von Björn Warns über den fiktiven Jannowski, der als Zirkusartist gearbeitet und sich als einzige menschliche Kanonenkugel der DDR über die Grenze zur BRD geschossen haben soll. Der ursprünglich als Trailer angedachte Film lebt von der fantastischen Leistung des Hauptdarstellers Reinhard Scheunemann und des ganzen Ensembles an Laiendarsteller*innen. Mit der ›honorable mention‹ hier wurde der Film Holler for Service von Ole Elfenkaemper und Kathrin Seward bedacht. Sie haben es geschafft, ein US-Amerika zu zeigen, welches tatsächlich noch Gemeinschaftsgefühl kennt: Im Süden leitet die scharfsinnige und herzliche Kellie einen Hardware-Store und hat ein offenes Ohr für alle Kunden.
Am letzten Festivaltag wurde der Publikumspreis für den besten Kurzfilm vergeben und siehe da: Die Säle nicht nur in der Pumpe, sondern auch im Studio Filmtheater sowie dem Kino Koki Lübeck, im Burgtheater Ratzeburg und im Lichtblick Heide sind gefüllt. Das Publikum durfte selbst abstimmen und unter einer Auswahl von zehn ganz unterschiedlichen Kurzfilmen den besten küren. Gewonnen hat Wer war Dr. Levy? von Sarah Gorf-Roloff, die auch die Werbegrafiken für das Festival gemacht hat. Im Film zeichnet sie die Geschichte des jüdischen Dr. Levy nach, der während des Zweiten Weltkriegs aus Deutschland fliehen musste. Die besondere Herausforderung bestand darin, dass es keine Fotografien von ihm gibt und sie sich nur entlang der erhaltenen historischen Dokumente gehangelt hat.

© Eva Biederbeck/FFSH 2026
Ein Ausblick
Der Kurzfilmwettbewerb hat gezeigt: Wenn Zuschauende einbezogen werden und es eine weitgefächerte, spannende Filmauswahl gibt, kommen die Menschen auch ins Kino. Dem Mitte April neu ernannten ›Creative Board‹ des Filmfestes sei ein ähnlicher Andrang zukünftig auch für die anderen Wettbewerbsfilme und die außer Konkurrenz zu wünschen. Für die nächste Ausgabe ist eine Retrospektive mit Filmen der vergangenen Jahre in Planung. Vielleicht ergibt sich dort ja die Chance, einige der hier besprochenen Filme noch einmal zu sehen.
Kiel hat einiges an Arthouse-Kino zu bieten, wenn man nur danach sucht: Vom 5. bis zum 10. Mai findet beispielsweise das 10. Cinemare Meeresfilmfestival statt. Am 13. Mai können im Metro-Kino die besten Einreichungen von Studierenden und Schüler*innen des »Nur 48 Stunden«-Filmwettbewerbs angesehen werden. Vielleicht ist es, wie Ryan Gosling sagt, die Aufgabe der Filmschaffenden, Interesse zu erregen, aber auch das Publikum sollte offen bleiben und dem ein oder anderen experimentelleren Film des lokalen Kinos eine Chance geben. Oft findet man dabei cinematographische Perlen.
Lilja studiert Medienwissenschaften und Deutsch im Master an der CAU, ist seit dem Oktober 2025 beim ALBRECHT und leitet die Website. Schwerpunktmäßig schreibt sie über Film und Popkultur.



