Mit mehr Vulnerabilität gegen das Patriarchat
›Heul’ nicht, wie ein Mädchen!‹, ›Stell’ dich nicht so an!‹ oder ›Reiß’ dich mal zusammen!‹. Wer kennt sie nicht; diese auf so vielen Ebenen zu hinterfragenden Aussagen.
Dunkle Erinnerungen an die Schulzeit werden wach. Sie sind dir im Freundes- oder Familienkreis begegnet. Oder: Gesprächsfetzen, die einem im Vorbeigehen auf der Straße entgegenfliegen und kleben bleiben. Worauf solche häufig ›witzig gemeinten‹, maskulin verklärten Sprüche abzielen: Verletzlichkeit.
Binäres Rollenbild – 1×1
Vulnerabilität wird über Kulturen hinweg als Schwäche angesehen und dieses Narrativ von Generation zu Generation weitergegeben. Insbesondere männlich sozialisierte Personen sind dem ausgesetzt. Damit die Männer von Morgen auch wirklich ›stark‹ sein können, wird ihnen von Klein an eingetrichtert, keine Schwäche zu zeigen. Was als schwach gilt: vor allem weiblich stereotypisierte Emotionen, wie Trauer, Angst, Scham und Liebe – verstanden als emotionale Wärme oder Zuneigung. Sie sollen unterdrückt, ignoriert, nicht gezeigt werden. Darüber, inwiefern es verblüffend unnötig ist, eine binäre Differenzierung in männlich oder weiblich vorzunehmen, müssen wir an dieser Stelle nicht weiter diskutieren.
Mut und Stärke braucht Verletzlichkeit
Vulnerabilität wird als Unsicherheit definiert, sich dem Risiko auszusetzen, Emotionen zu zeigen. Kaum etwas anderes erfordert so viel Mut in unserem Leben, wie verletzlich zu sein. Die Maske abnehmen. Die Verkleidung, die wir tragen, ablegen. Sich transparent zeigen. Umgekehrt gibt es keinen Mut ohne Konfrontation mit den eigenen Unsicherheiten, ohne ein Inkaufnehmen von Risiken, ohne das Offenbaren der eigenen Emotionen.
Zugleich ist das Zeigen und (Aus-)halten von Verletzlichkeit eines der schwersten Dinge im sozialen Miteinander. Denn die eigene offengelegte Emotionalität bedeutet, sich auf unsicherem Gelände zu bewegen. Wie wird mein Gegenüber damit zurechtkommen? Wie werde ich bewertet werden? Bin ich danach noch Teil meiner Gruppe? Nur wenig bereitet Menschen so viel Schmerz, wie soziale Zurückweisung oder Ablehnung. Die damit oftmals entstehende, so schmerzvolle Scham macht das Ganze nicht besser. Verständlich also, dass wir alles daran setzen, es nicht so weit kommen zu lassen. Also setzen wir unsere Tarnkappen auf und rennen als performende Hülle unserer Selbst durch eine verletzende Welt, der Verletzlichkeit fehlt.
Die Kraft der Vulnerabilität
Dabei könnte ein transparentes »Ich habe auch Angst«, »Ich weiß auch nicht, wie es weitergehen soll«, »Ich freue mich so sehr, dich zu sehen«, »Ich bin traurig, wenn wir uns nicht wiedersehen« so viel für uns selbst und die Menschen um uns herum tun. Für unsere Beziehungen, für Gesellschaften. Vulnerabilität schafft Nähe und ist die Voraussetzung für Empathie und (Selbst-)Mitgefühl.
»I came in like a wrecking ball«: Vulnerabilität bringt das Patriarchat zu Fall
Personen, besonders sich als Männer Identifizierende, die keine Vulnerabilität zulassen können – weder bei sich, noch bei Anderen – schaden nicht nur ihrem Umfeld, sondern vor allem sich selbst. Es kann also nur im Interesse aller Geschlechter sein, dass ›keine Schwäche zeigen‹ abgeschafft und damit das Patriarchat nicht weiter aufrechterhalten wird.
Beziehungen in jeglicher Form bauen auf Vulnerabilität auf. Und das nicht nur im familiären, freundschaftlichen, romantischen oder sexuellen Kontext. Auch im beruflichen ist es verdammt wichtig, vulnerabel sein zu können. Wenn du als Führungsperson hoch hinaus möchtest: Wie kannst du ein*e Chef*in sein, die eigene Emotionen nicht verstehen, sich Fehler eingestehen und die Bedürfnisse der Mitarbeitenden erkennen kann?
Vielleicht geht es eine gewisse Zeit auch ohne Vulnerabilität. Aber irgendwann holt sie dich ein und knallt dir wie eine Abrissbirne vor den Schädel. Es kann keine authentische zwischenmenschliche Nähe, kein Vertrauen geben, wenn du es nicht schaffst, verletzlich zu sein.
Und nun?
Schau mal kurz von deinem Mittagessen hoch und sieh sie dir doch einmal an: all die Menschen, die mit dir gerade – genau in diesem Moment – eventuell in der Mensa sitzen und sich die notwendigen Kalorien einflößen, damit ihre Gehirne bis zur nächsten Mahlzeit mit der ausreichenden Menge an Energie versorgt werden. Vielleicht kannst du ihnen heute mal mit etwas mehr Verletzlichkeit begegnen. Wenn schon nicht für sie, dann aber immerhin für dich selbst und vielleicht den Fall des Patriarchats.
Chiara studiert seit dem Wintersemester 23/24 Psychologie im Master. Seit dem Sommersemester 2024 ist sie Teil der ALBRECHT-Redaktion und des Social Media Teams.



