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Über die Nähe von Literatur und Politik in Frankreich

Im April 2027 findet die nächste Präsidentschaftswahl in Frankreich statt. Obwohl bis dahin noch Zeit ist, wird es schon spannend. Nachdem es weiterhin höchst fraglich ist, ob Marine Le Pen, die Spitzenkandidatin des RN, der rechtspopulistischen Partei Frankreichs, oder ihr Ersatz Jordan Bardella antreten können, geht es nun auf linker Seite hoch her. So richtig klar, welcher Kandidat ins Rennen geschickt wird, ist es aber noch nicht. 

Einer, der sich große Hoffnungen macht: Jean-Luc Mélenchon, Gründer und prägende Figur von La France insoumise (LFI), der dem linken beziehungsweise links-populistischen Spektrum Frankreichs zugerechnet wird. Seinen Wahlkampf startete er in Saint-Denis mit der Unterstützung einer Nobelpreisträgerin. Annie Ernaux, die 2022 den Literaturnobelpreis für ihren Roman Der Platz bekommen hatte, war mit auf der Bühne und zitierte mehrere Gedichte des Dichters Paul Éluard. Aus deutscher Perspektive erscheint diese Nähe zwischen Schriftsteller*innen und Politik zunächst ungewohnt. Bis auf Daniel Kehlmanns Meinungsstück über die Trump-Politik in der New York Times sind deutsche Schriftsteller*innen in letzter Zeit nicht mit großen politischen Botschaften aufgefallen. In Frankreich gestaltet sich die Situation deutlich anders. Der politische Wettkampf wird traditionell auch von Autor*innen ausgetragen. Angefangen mit Émile Zola, der 1898 seinen berühmten offenen Brief »J’accuse…!« (»Ich klage an!«) im Zuge der Dreyfus-Affäre veröffentlichte, über Albert Camus und Simone de Beauvoir, bis hin zu Jean-Paul Sartre. Letzterer ist maßgeblich amBild des aktivistischen Schriftstellers in Frankreich beteiligt. Er äußerte sich zum Algerienkrieg, zu den Studentenprotesten von 1968 und zu den Problemen des Kapitalismus. Viele Französ*innen sahen ihn als moralische Autorität an. Anders als in Deutschland wird von Autor*innen häufig erwartet, zu politischen Fragen Stellung zu beziehen. Literatur besitzt dadurch bis heute ein höheres politisches Prestige.

Große Unterschiede im Ländervergleich 

In Deutschland war insbesondere nach 1945 eine große Skepsis gegenüber »geistigen Führern« vorhanden. Zusätzlich zu einer fehlenden Kulturhauptstadt im Vergleich zu Paris, gibt es weniger zentrale öffentliche Intellektuelle, die sich in die Parteipolitik einmischen. Schriftstellerinnen wie Juli Zeh äußern sich zwar politisch und stehen in der Diskussion um politische Ämter, erscheinen aber eher wie Randfiguren im Diskurs. Natürlich gab es auch in Deutschland Schriftsteller*innen, die sich politisch engagierten und zu einer Vielzahl gesellschaftlicher Themen Stellung bezogen. Mit Nobelpreisträger Heinrich Böll und Günter Grass sind das aber vor allem historische Beispiele. 

In Frankreich mischt sich aktuell nicht nur Annie Ernaux in die Politik ein. Speziell im Zuge der Gelbwesten-Bewegung gab es eine große Welle der Solidarisierung durch Schriftsteller*innen und andere Kulturschaffende. Die Gelbwesten sind eine überparteiliche Bewegung, die seit November 2018 gegen die Politik von Präsident Macron demonstriert. Einer von ihnen: Édouard Louis. Er schreibt unter anderem: »Jeder, der eine Gelbweste beschimpft, beschimpft meinen Vater.« Über seinen Vater gleich mehr. Die Aufgabe von sich und anderen Intellektuellen sieht er im Kampf um die Bedeutung der Bewegung, an der sie mitarbeiten müssen. 

Von allen Seiten 

In den Romanen von Louis geht es um seine Familie und die ärmlichen Verhältnisse, in denen er aufgewachsen ist. Daraus ergibt sich für ihn sofort auch eine politische Dimension. In dem Roman Wer hat meinen Vater umgebracht gibt er den Urhebern der Leidensgeschichte seines Vaters (ein einfacher Arbeiter, dessen körperlicher Zerfall durch seine Arbeit sein Leben erheblich erschwerte) einen Namen. »Hollande, Valls, El Khomri, Hirsch, Sarkozy, Macron, Bertrand, Chirac. Für deine Leidensgeschichte gibt es Namen. Die Geschichte deines Körpers ist eine Anklage der politischen Geschichte.« Der Roman wird so zur politischen Kampfschrift. Es geht darum, dass Politik für seine Familie eine Frage von Leben und Tod bedeutete. Die Autor*innen belassen es nicht nur bei der Behandlung in Romanform, sondern es erwächst ein Bedürfnis, die Forderungen auch politisch wirksam zu unterstützen. Es zeigt nicht nur die Nähe der Literatur zur Politik in Frankreich, sondern auch die weiter anhaltende Bedeutung für das französische Selbstverständnis. Auch auf konservativer Seite gibt es mit Michel Houellebecq eine prominente Stimme. Seine Romaneund öffentlichen Äußerungen zu Migration, Identität und gesellschaftlichem Wandel lösen regelmäßig politische Debatten aus und werden weit über den Literaturbetrieb hinaus diskutiert.

Mit Blick auf die Präsidentschaftswahl 2027 bleibt abzuwarten, welche Schriftsteller*innen sich noch in die politische Debatte einschalten werden. Sicher scheint jedoch schon jetzt: In Frankreich wird Politik nicht nur in Parlamenten und Parteizentralen gemacht, sondern auch auf den Seiten von Romanen und in den Wortmeldungen ihrer Autor*innen.

Bjarne studiert Sozio-Ökonomik an der CAU und ist seit dem Oktober 2024 beim ALBRECHT. Schwerpunktmäßig schreibt er über Kultur und Politik.

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