Es ist ein kleines Ereignis, wenn eine Band aus Wien mit einem fulminant anmutenden Programmaufgebot aus Popmusik, Beatboxsounds und ironischem Ösi-Humor im Norden, und dann auch noch im notorisch stürmischen Kiel, aufschlägt. Noch dazu war es ein sehr besonderes Gefühl, nach Monaten des Lockdowns endlich mal wieder die eigenen Plätze vor einer Bühne zu suchen. Wer hat es nicht vermisst, in gespannter Erwartung auf die Bühne zu blicken und den Alltag ein wenig hinter sich zu lassen? Dank Veranstaltungen wie dem Schleswig-Holstein Musik Festival sind solche Momente sogar in Kiel wieder möglich. Am Mittwoch, dem 18. August 2021, spielte in diesem Rahmen das österreichische Musikduo Wiener Blond, sicherlich namentlich angelehnt an die bekannte ‚komische Operette‘ Wiener Blut von Johann Strauss, vor der eindrucksvollen Kulisse des Parkplatzes des Wissenschaftszentrums. Aber wird Wiener Blond es wirklich würdig sein, dass wir eines Tages davon erzählen werden, dass dies unser erster Konzertbesuch nach dem großen Corona-Kultur-Lockdown war? 

Die Band, bestehend aus Sebastian Radon und Verena Doublier, lernte sich im Studium kennen, wo sie ihre musikalischen Fähigkeiten schnell miteinander verbanden. Auf der Bühne präsentierten sie ihre humorvollen und schrägen Lieder über Kapriolen des alltäglichen Wiener Stadtlebens vor einem wohlwollend-braven Publikum, das spürbar glücklich darüber war, endlich wieder ein Konzert an der frischen Luft besuchen zu können.  

Wiener Blond machen Musik, die das Wiener Lebensgefühl in pointierten, teilweise satirischen Texten widerspiegelt. So beginnen sie das Konzert mit dem Song „Schau Ma Mal“ – eine Ode an die Motivationslosigkeit, die ein wenig an Balu den Bären denken lässt. Wenn draußen der Klimawandel an die eigene Tür klopft, besinnt man sich doch lieber auf die Kraft der Gemütlichkeit, die im gewohnten Vor-sich-hin-leben liegt: „Na, I muss sog’n, des motiviert mich/ Jetzt eigentlich ned so wirklich/ Da bleib‘ ma doch lieber gemütlich Daham./ Weil vom zu vüll tuan, krieg‘ ma ja allerweil nuar an Zorn/ Auf d‘ Leit und auf d‘ Wöld, die I eh ned vasteh,/ Also schau‘ ma mal, dann seh‘ ma eh“. In einem anderen Song geht es ums Glück, wobei das Glück hier allerdings als Vogel auftritt, der letztlich totgeschossen wird. An solchen Stellen wirken die Lieder etwas zu gewollt auf schale Scharfzüngigkeit gebürstet.  

Wiener Blond im Wissenschaftszentrum Kiel (Bild: Luka Peltzer)

Die Musik des Duos ist recht simpel aufgebaut. Jedes Lied basiert auf einem geloopten Beatbox-Rhythmus, der dann durch Gitarre, Ukulele, Cajon oder einfach nur durch Gesang begleitet wird. Auch wenn das musikalische Talent des Duos bewundernswert ist, leiden manche der Vier-Akkord-Lieder unter einer gewissen Monotonie. Dennoch machen die beiden Wiener Musiker klanglich das Beste aus ihren limitierten Möglichkeiten, wenn beispielsweise eine fehlende Trompete kurzerhand mit der Stimme nachgeahmt wird. 

Auch die Band freut sich sichtlich darüber, wieder auf der Bühne stehen zu können. Es werden natürlich Witze über das Kieler Wetter gemacht – so seien alle Stühle bei den Proben weggeweht und zudem wird zu Beginn nach einer Person aus dem Publikum gesucht, die für das Wetter zur Verantwortung gezogen werden darf. Während das Publikum sich vor Lachen kaum halten konnte und damit einen doch recht geringen Anspruch an humorvolle Unterhaltung offenbarte, ignorierte es geflissentlich die Einladung der Band, einen echten Wiener Walzer (mit Abstand) zu tanzen. Ganz allgemein wirkten wir an diesem verkühlten Abend leicht deplatziert. Das Konzert wäre eher eine gute Gelegenheit gewesen, einen Ausflug mit Oma zu machen, denn im Publikum fehlte von Studierenden weit und breit jede Spur – genau so sehr ließ es auch auffallend an Diversität vermissen.  

Was bleibt also von diesem ersten Live-Konzert nach Wiener Couleur? Ein Highlight des Abends ist der Song Der Anninger bricht aus, bei dem Wiener Blond das Publikum zum choralen Mitsingen animiert. Das Gefühl des gemeinsamen Musizierens ist ein Gänsehautmoment, auch wenn dieser innerhalb einiger Takte leider wieder vom Winde verweht wird. In solchen Momenten konnte Wiener Blond kurz glänzen. Trotz allem bleibt das Gefühl zurück, dass die Band mit ihrem verstaubten Sinn für Humor doch eher etwas für Leute ist, die auf der Suche nach einer Art progressiverem Schlager sind. Aber ist Wiener Blond vielleicht doch etwas für euch oder scheiden sich hier die Geister der Generationen? 

Autor*in

Alrik studiert Deutsch und Politikwissenschaft an der CAU. Er ist seit November 2020 Teil der Redaktion des Albrechts.

Autor*in

Luka ist 23 Jahre alt, studiert Deutsch und Englisch an der CAU. Er ist seit November 2020 Teil der Redaktion des Albrechts.

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