Backstage im Kieler Opernhaus

Was sich hinter den Kulissen des Kieler Opernhauses abspielt, bleibt für viele ein ewiges Geheimnis. Dabei hat man in Kiel die Möglichkeit, hautnah zu erleben, was hinter den schwarzen Vorhängen passiert. Theaterpädagogin Denise von Schön-Angerer hat sich einen Nachmittag Zeit genommen, um den ALBRECHT hinter die schweren Samtvorhänge blicken zu lassen.

Zunächst führt die Reise in den Zuschauerraum. Stille ist geboten, denn gerade beginnt eine Lichtprobe. Hierbei stellen Statist*innen die Abläufe auf der Bühne in den entsprechenden Szenen nach und die Bewegungen der Moving Lights (per Computer bewegbare Scheinwerfer) und Timecodes der gesamten Bühnenbeleuchtung werden in den Computer eingespielt. Während der späteren Vorstellung kann dann auf diese Automationen zurückgegriffen werden und der Computer weiß, wann welcher Scheinwerfer in welcher Intensität wohin leuchten soll.

Um in die geheimen Gänge des Opernhauses vordringen zu können, führt der Weg über den hinteren Teil der abgehängten Bühne. Es scheint, als sei die Zeit hier stehen geblieben. Auf kleinen Röhrenfernsehern können die Mitarbeiter*innen und Bühnenbildner*innen hinter der Bühne das Geschehen beobachten, um rechtzeitig Vorbereitungen für Umbaupausen zu treffen und schnell auf Unregelmäßigkeiten im Ablauf reagieren zu können. Wenn die Darsteller*innen zum Beispiel aus Versehen einen Dialog oder gar eine ganze Szene auslassen, verschiebt sich der gesamte Plan und die Mitarbeiter*innen müssen schnellstens Handeln.

Hinter der Bühne werden Bühnenbilder gelagert, die bereits vorzeitig aus den Werkstätten des Theaters für eine neue Produktion angeliefert wurden oder nach Auslaufen einer Produktion noch auf ihre Abholung warten. Denise von Schön-Angerer erzählt, die gängige Praxis sei bisher gewesen, Bühnenbilder nach Ende einer Produktion in einer der Lagerstätten des Theaters in Kiel und Umgebung aufzubewahren und irgendwann zu verschrotten, wenn sie wirklich nicht mehr gebraucht werden. Doch dies sei nicht nachhaltig und entspreche nicht einem zukunftsgerichteten Theaterbetrieb. Daher solle nun verstärkt darauf geachtet werden, Teile der Bühnenbilder oder zumindest das Rohmaterial für zukünftige Arbeiten wiederzuverwenden.

Der lange Flur, der einem Keller ähnelt, führt von der Bühne bis in die Verwaltung und in die Werkstätten. An der Pinnwand hängen tagesaktuelle Probenpläne, die den Darsteller*innen, Orchestermusiker*innen und Mitarbeiter*innen durch eine Mitteilung am Mittag des Vortages auch mal einen freien Vor- oder Nachmittag bescheren können.

Requisitenkisten säumen den Flur und warten darauf, eingelagert zu werden. Denise von Schön-Angerer öffnet eine Kiste und es zeigt sich eine Flinte und lauter Rosenblätter aus der aktuellen Iolanta-Produktion. Der ALBRECHT hatte von der Generalprobe berichtet.

Der Flur führt auch in die Maske. Mit viel Sorgfalt kümmert sich gerade eine Maskenbildnerin um eine Perücke für eine der kommenden Produktionen. In stundenlanger Handarbeit entstehen hier Perücken, lebensechte Bärte und Masken für die Schauspieler*innen und Tänzer*innen. Ebenfalls werden hier unten Nasen- oder Ohrprothesen gefertigt.

Auch eine Glatze wird zumeist angeklebt und die Haarpracht der Darsteller*innen bleibt verschont. Bei ihrer Einstellung verpflichten sich Darsteller*innen, ihr Aussehen, sprich Haarfarbe und -länge, Bart und Tattoos (oder eher keine Tattoos) wie zum Zeitpunkt des Beginns der Anstellung beizubehalten. Das Äußere der Figuren sei immer mit dem Äußeren ihrer Darsteller*innen verknüpft. Daher müsse für eine langfristige Planbarkeit auf Konsistenz der Gegebenheiten geachtet werden, so Denise von Schön-Angerer. „Eine Julia mit langen braunen Haare kann nicht auf einmal am nächsten Abend mit wasserstoffblondem Kurzhaarschnitt auftreten“, erzählt sie weiter.

Leider können die großen Werkstätten der Bühnenbildner*innen aufgrund von Sicherheitsvorschriften nicht besichtigt werden, aber in einer kleinen Werkstatt, in der letzte Reparaturen durchgeführt werden können, finden sich Überbleibsel der Pippi-Langstrumpf-Produktion in Form einer riesigen Torte.

Der Blick in eine Herrengarderobe lässt vor allem eines erkennen: Die Schauspielerei ist harte Arbeit. Da bleibt keine Zeit für übertriebene Ordnung. Der 60er-Jahre-Charme der Einrichtung zieht sich durch weite Teile des Hauses.

Mittlerweile stellten Theater sogar Unterwäsche und Socken zur Verfügung, plaudert Denise von Schön-Angerer aus dem Nähkästchen. Wenn ein*e Darsteller*in vollends in eine Rolle schlüpfe, könne das nicht in der eigenen Unterwäsche geschehen.

Nachdem ein kaltes Treppenhaus passiert wurde, führt ein langer Flur in den großen Ballettsaal. Mit Spiegelwand und Ballettstange ausgestattet ist der Raum Geburtsstätte für große Choreographien, die das Ballett des Theater Kiel auf die Bühnen der Stadt bringt. Weitere Probenräume seien über das ganze Stadtgebiet verteilt, so Denise von Schön-Angerer.

Die stundenlangen Übungseinheiten des Balletts hinterlassen bekanntermaßen Spuren an Mensch und Material. Auf dem Flur sind Tänzer*innen in Moonboots zu sehen – die Füße müssen während der Pause warm und beweglich gehalten werden.

Und dann ist sie auch schon wieder vorbei, die Stunde im Opernhaus. Es gäbe sicher noch vieles mehr zu entdecken, doch die Röhrenfernseher haben die Zeit doch nicht angehalten. Das Theater mit seinen in Kiel verteilten Spielstätten hält viele Geheimnisse bereit. Wer sich selbst einen Eindruck der Abläufe im Opernhaus machen möchte, hat die Chance, selbst an einer Führung teilzunehmen.


An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass nicht nur die Räumlichkeiten des Opernhauses zumeist im Verborgenen bleiben, sondern auch manche Programmpunkte nicht sofort ihre Zielgruppe erreichen.

Bild: Theater Kiel

Das Theater Kiel veranstaltet regelmäßig seine 8night. Während der 8night bietet das Theater eine Vorstellung für junge Erwachsene zu einem ermäßigten Eintrittspreis an. Zusätzlich finden sowohl ein theaterpädagogischer Workshop sowie eine Stückeinführung mit den Dramaturg*innen vor Beginn der Vorstellung statt. Nach der Vorstellung soll in lockerer Runde bei Getränken und Musik miteinander ins Gespräch gekommen und das gesehene Stück diskutiert werden. Weitere Informationen und Termine zu Iolanta und Stolz und Vorurteil *oder so findet ihr hier.

Autor*in
Chefredakteur

Finn ist seit Februar 2024 Chefredakteur des ALBRECHTs. Zuvor hat er ein Jahr lang das Kulturressort geleitet. Für unser Blatt sitzt er häufig in der Oper, im Theater oder im Konzertsaal. Er studiert Englisch und Geographie auf Lehramt und ist seit dem WiSe 22/23 Teil der Redaktion.

Autor*in

Lina studiert Anglistik & Germanistik und ist seit Juni 2018 in der Redaktion. Von Oktober 2018 bis Januar 2020 betreute sie die Facebook-Seite des ALBRECHTs. Seit Februar 2020 ist sie Teil des Lektorat-Teams.

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Ressortleitung Hochschule

Jesse ist 20 Jahre alt und studiert Politikwissenschaft und Geschichte an der CAU. Seit dem Sommersemester 2022 schreibt er für den ALBRECHT. Mittlereweile leitet er das Hochschulressort.

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