Das Land. Die Kraft. Die Zukunft. Der Klamauk – das war der erste Gedanke der mir in den Kopf kam bei dieser heiter-fröhlichen Wahlveranstaltung der CDU im April. Die Kanzlerin war zu Gast in Kiel und dies war der Anlass für viele Menschen, auch für mich, an einem Mittwochnachmittag die Kieler Osteseehalle zu stürmen oder besser gesagt zu kriechen, wenn man die „graue Wählerschaft“ der CDU mal so betrachtet. Bis auf die Junge Union waren nur sehr wenige junge Menschen im Publikum zu sehen.

Aber nichtsdestotrotz. Was war das für ein Karnevalsfeeling in der Ostseehalle: Da wurde geschunkelt und geklatscht, gelacht und gejauchzt – die Stimmung war der Hammer! … Äh nein! Peinlich war es. Furchtbar peinlich.

Merkel im Abba-Fieber (Foto: ms)

„4000 Menschen hier in der Ostseehalle, die CDU-Kreisverbände sind mit mindestens 50 Bussen angereist und ABBA Fever ist auch dabei“, grölt der Moderator freudetaumelnd. Und die Halle brüllt zurück. „Wir haben geschafft, was sonst nur der THW Kiel schafft – wir haben die Ostseehalle voll gemacht!“ Tosender Applaus. Gruselig!? Verwunderlich!? Irgendwie surreal. Aber nun gut, wenn damit das Wahlziel erreicht ist – hervorragend! „Die Hütte ist voll!“ Jubelschreie. Kann das noch schlimmer werden? Ja es kann! Erster Auftritt ABBA Fever: „You can dance, you can jive, having the time of your life uhuhuhuuu“, und das ist erst der Anfang. Wieder die Moderatoren, mittlerweile sind es schon zwei, die Menge muss ja bei Laune gehalten werden. Á la Boxkampfmanier werden nun die verschiedenen Wahlkreise vorgestellt: „Uuuuuuuund in der linken Ecke der Wahlkreis aus Pinneberg.“ Der Wahlkreis springt geschlossen in die Luft – und nein, es gab keine Herzinfarkte. „Uuuuuuuund in der rechten Ecke der Wahlkreis aus Plön!“ Ebenfalls extatisches Geschrei. Es wird immer merkwürdiger. Auftritt Jost de Jager: „Wir haben uns das vorgenommen, was bisher nur der THW geschafft hat: Wir wollten die Ostseehalle vollmachen und wir haben es geschafft!“ Sie vollzumachen? Das ist ja ekelhaft. Zweiter Auftritt ABBA Fever: „Can you hear the drums Fernandooooooo… I can see it in your eyes how proud you were to fight for freedom in this land…“ Schunkel, klatsch, grins, toll!!! Einfach toll: Wie einfach CDU-Wähler ruhig zu stellen sind. So einfach, so mundtot. Kostenlose Schlagerparty in der Ostseehalle. Ein Traum wird wahr. Aber jetzt wird’s ernst. Auftritt Peter Harry Carstensen: Und da wird geschleimt was das Zeug hält. Was der Jost nicht für´n toller Typ sei und wie er ihm das Amt so gönnen würde und man sei sich ja ach so einig und auf einer Wellenlänge hier im Norden… Schnarch! Und der Jost der strahlt bis über beide Ohren. Peter Harry schafft sich ab! Und bei dem nächsten Auftritt von ABBA Fever besteht jetzt akute Rutschgefahr. Aber es geht wieder voll ab: „Super Trouper beams are gonna blind me but I won’t feel blue, like I always do ‚Cause somewhere in the crowd there’s you…” What the f***! Langsam ersehnt man den Auftritt der Kanzlerin regelrecht herbei. Und als ob man erhört wurde verstummt plötzlich ABBA Fever, bleibt allerdings etwas deplatziert auf der Bühne stehen. Loungemusik wird eingespielt. Dazu kann man aber gar nicht so schön schunkeln. Manno! Doch dann passiert wieder was. Plötzlich dröhnt der Beat…und als sei diese ganze Show noch nicht aufregend genug gewesen für die alten Leute spielt jetzt auch noch der „Bongo Song“ von Safriduo. Es ist unvorstellbar. Der Beat von Safriduo dröhnt, die Halle pulsiert und dazu läuft sie ein wie ein Boxchampion in Lila. Sie, die Kanzlerin. Die Discobeleuchtung ist eingeschaltet. Die Presse unten in der Halle bildet eine Gasse. Die Halle springt auf. Die Menschen klatschen völlig außer Rand und Band in die Hände. Jost de Jager grinst noch immer bis über beide Ohren. Unsere Kanzlerin in Kiel. Die Welt zu Gast in Kiel. Die Masse tobt. Die Halle bebt. Und man selbst möchte nur schreien:

„Ich bin ein Mensch! Holt mich hier raus!“

Das war der Höhepunkt des ohnehin sehr inhaltslosen Wahlkampfes aller Parteien in Schleswig-Holstein. Ich hoffe ihr wart trotzdem wählen. Habt gewählt was ihr wolltet. Für unser Lieblingsland.

Autor*in

Alexa war bis 2012 als Chefredakteurin des Albrechts zuständig. In ihren Artikeln befasste sie sich vor allem mit gesellschaftlichen Themen.

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